Mittlerweile ist es schon über ein halbes Jahr her und ich schreibe immer noch an meinem ausführlichen Bericht über die Schottland-reise. Also hier erst mal die Kurzfassung davon.
Mich zieht es ja generell immer in wenig besiedelte Gebiete, wo man wenig Touristen trifft und man in Ruhe Zeit hat die wundervolle Natur zu bestaunen um mal wieder den Kopf richtig abzuschalten und sich vom Alltagsstress zu erholen. Diesmal sollte Ulli mich begleiten. Wir überlegten entweder nach Island oder Schottland zu reisen, was uns beide schon seit längerem interessiert und nach einiger Recherche fiel unsere Wahl auf Schottland. Der Skye-Trail auf der Isle of Skye sollte es werden.
Über München ging es mit dem Flieger nach Edinburgh in Schottland. Edinburgh gefiel uns auf Anhieb so gut gut, dass wir uns fest vornahmen, die Stadt während unserer Reise nochmal genauer zu erkunden. Aber erst Mal ging es mit dem Bus in das weniger beeindruckende Glasgow und nach einer Übernachtung dort fuhren wir einen ganzen Tag vorbei an malerischen Bergen, Ruinen und Burgen auf die Isle of Skye im Nord-Westen Schottlands.
Abends machten wir uns gleich noch auf den Weg. Vom langen Sitzen waren unsere Gelenke ein wenig eingerostet und wir wollten uns ein bisschen warm laufen und einen Teil der ersten Etappe noch bewältigen. Kurze Rand-Info: der Skye-Trail ist ein Fernwanderweg mit einer Gesamtstrecke von 127 km auf sieben Etappen.
Endlich ging es auf! Raus in die Natur und endlich Ruhe vor dem Lärm. Natürlich gibt man für so eine Wanderung immer eine Teil seines Komforts auf und so manch einer fragt sich bestimmt warum man so eine Reise macht. Mit so einer Reise meine ich, einen schweren Rucksack über viele Kilometer zu tragen, auf Dusche und Toilette verzichten, von Mücken zerfressen zu werden, im Wind und Regen zu wandern und vielleicht sogar in Bergnot zu geraten. Manchmal frage ich mich das tatsächlich auch selber auf meinen Reisen aber bisher war die Antwort darauf immer einfach. Der Minimalismus macht den Unterschied. Sich um nichts kümmern zu müssen außer: was esse ich heute, wo schlafe ich heute. Den Elementen ausgesetzt zu sein und auch meinen Körper an seine Grenzen zu bringen, das lässt mich lebendig fühlen, ich kann in mich hinein horchen, mich besinnen und wieder zu mir selber finden.
So wanderten wir sieben Tage durch diese wunderschöne Insel, vorbei an Ruinen, Küsten, Moore, Berge, durch Schaf- und Kuhherden und ja Schottland war ganz das wovon ich geträumt hatte.
Der erste Teil der Reise wurde dadurch erschwert, dass wir den falschen Kocher für unsere Gasflasche dabei hatten und so ohne warme Mahlzeiten und Kaffee auskommen mussten. Die Midges, eine kleine Müchenart in Schottland fraßen uns auf der ersten Hälfte der Reise regelrecht auf, sobald wir auch nur kurz Halt machten und natürlich das viele Wasser, das uns nach und nach durchweichte (vor allem Schuhe und Füße), stellte uns vor Herausforderungen.
Die Mitte unserer Reise markierte die größte Stadt der Insel Portree. Hier h
gab es auch einen Outdoor-Shop wo wir Campingausrüstung, also Kocher und Mückenschutz, kaufen konnten.
Von da an sollte es ein bisschen bequemer werden, dachten wir.
Aber wir hatten noch die Königsetappe vor uns. Einen Etappenabschnitt, Trotternish-ridge genannt, der über knapp 30 km und 3000 Höhenmeter ging. Wir bewältigten den ersten Teil der Tour Abends bei gutem Wetter und wurden am Morgen tags darauf von denkbar ungünstigen Wetter überrascht. Wir hatten kaum Sicht, der Nebel und die Wolken wurden uns von den starken Windböen in die Glieder geblasen, was dazu führte dass vor allem ich in kürzester Zeit stark unterkühlt war. Der Weg war schwer zu finden, hörte immer wieder einfach auf und wir liefen mehrmals im Kreis. Wir kamen geistig und körperlich an unsere Belastungsgrenze, aber wir kämpften uns Stunde um Stunde vorwärts , bis wir nach 12 Stunden ohne Pause geschafft, aber doch glücklich die andere Seite der Bergkette hinab stiegen.
Der Rest des Fernwanderwegs war dann ein gemütlicher Spaziergang im Vergleich zu der Königetappe.
Anschließend ging es über die gleiche Route wieder den Weg zurück, also mit dem Bus nach Glasgow und von dort nach Edinburgh, wo wir uns drei Tage Zeit nahmen die Stadt zu erkunden. Glücklicherweise fand genau zu dieser Zeit das Fringe-Festival statt. Man konnte an jeder Ecke über drei Wochen hinweg Künstler bzw. der Kunst jeder Art bestaunen.
Von Edinburgh nahmen wir dann nochmal eine lange unangenehme Busfahrt nach London in Kauf. Dort machten wir eine kurze Sightseeing Tour, die mich durch die Fülle an Reizen der Großstadt fast mehr anstrengte als die lange Wandertour und fuhren am gleichen Tag noch weiter in den Süden Londons, um meinen Bruder zu besuchen, der dort seit einigen Jahren wohnt.
Alles in allem war das mal wieder ein gelungenes und spannendes Abenteuer . Voll gepackt mit schönen Momenten, eine Herausforderung für den Körper und Balsam für die vom Alltag geschundene Seele und Geist. Ein Urlaub eben ganz nach meinem Geschmack!
































Angefangen hat diese Geschichte wohl damit, dass Anna und ich über Couchsurfing für ein paar Tage eine Studentin aus Russland, aus dem nördlichen Kaukasusgebirge, aufgenommen hatten. So haben wir Ksenia kennen gelernt. Während ihres 1,5 jährigen Studiums haben wir den Kontakt gehalten und sie erzählte mir immer wieder von ihrem Projekt, dem Hiking-Dream-Team. Sie organisiert regelmäßig Wanderungen im Kaukasus, zuletzt bestieg sie sogar den 5600m hohen Elbrus, der höchste Berg Europas. Als Bergliebhaber war ich natürlich sofort Feuer und Flamme für ihre Events, aber ihr wisst ja wie das immer mit der Zeit ist, wenn man älter wird. Sie entschwindet ungesehen ins Nirgendwo und für Herzensangelegenheiten wird die Zeit immer weniger. So sagte ich nie wirklich zu, sagte immer: „Irgendwann komme ich mal mit, ja vielleicht diesmal, aber sicher kann ich das noch nicht sagen!“.
Meine Tage wurden immer stressiger, der Schlaf immer weniger und irgendwann ist mir dann die Sicherung durchgebrannt. Um aus dem ‚Teufelskreis mal wieder auszubrechen gab es für mich nur eine Lösung: Ich muss für eine Weile hier raus, Handy aus, in die Natur, alles woran ich denken will ist, was esse ich heute, wo schlafe ich heute, sonst nur den Moment genießen. Das war mein Wunsch. So kam es, dass ich letztendlich doch fest zu einem Event von Ksenia zusagte. Eine Woche Wandern in Armenien. Ich überflog kurz das Programm , buchte den Flug und schon war ich dabei. Ich muss sagen, ich merkte mir das Programm nicht sonderlich. Ich wollte meinen Kopf ausschalten, würde den anderen hinterher latschen, egal wohin sie mich führen würden.
So stieg ich letztendlich ziemlich ahnungslos in den Zug in Pfarrkirchen, fuhr direkt zum Flughafen in München und über Minsk ging es dann in die Hauptstadt Yerevan in Armenien, einen Tag früher als das Event beginnen sollte. Der Flug verlief reibungslos, nur wunderte ich mich bei meinem Zwischenstop in Minsk, dass das Flughafenpersonal sich weigerte Schokolade zu verkaufen, die nach Armenien flogen. Frechheit! Sich einfach ungehemmt zwischen mich und meine Schoki zu stellen! So kam ich also ohne Schoki um 4 Uhr morgens in Yerevan an. Ursprünglich war mein Plan zu Fuß zum Hostel zu gehen. Da ich aber kaum geschlafen hatte und es noch dunkel war, erschienen mir die zwölf Kilometer doch ein bisschen zu weit. Also schlief ich am Flughafen noch ein bisschen, wimmelte hunderte von penetranten Taxifahrern ab und als schließlich die Sonne aufging nahm ich einen Bus in die Innenstadt. Als ich dort ankam, verabschiedete sich der Akku meines Handy und so irrte ich erst mal zwei Stunden durch die Stadt, bis mich jemand zu meiner Zieladresse bringen konnte, die ich mir zum Glück gemerkt hatte. Im Hostel angekommen sagte man mir aber, dass ich erst ab 13:30 Uhr einchecken könne. Also irrte ich weiter durch die Stadt, schlief mal hier ein bisschen, trank Kaffee aus jedem Automaten an dem ich vorbei kam, las mal dort ein bisschen in meinem Buch. Ruck Zuck war es halb zwei, ich checkte ein und ruhte mich weiter aus. Irgendwann hörte ich aus meinem Zimmer eine vertraute Stimme. So traf ich wieder auf Ksenia, die mit ihrer Mutter Ala und ihrer Freundin Alina mit einem Minibus durch das Kaukasusgebirge angereist waren. Es ist immer wieder ein seltsames Gefühl, jemanden so weit weg wieder zu treffen. Kurzer Smalltalk bevor ich mich beschloss weiter auszuruhen. Ich hatte viel nachzuholen. Später ging ich auf eigene Faust in ein veganes Rohkost-Restaurant. Das Essen war überragend, komisch war nur, dass ich die ganze Zeit der einzige Gast war und von einem ca. 10-jährigem Kind bedient wurde, das aber erstaunlich gut Englisch sprach. Zurück im Hostel fragte mich Ksenia, ob ich Hunger und Lust auf ein Restaurant hätte. Klar hab ich das, die letzte Mahlzeit ist ja schließlich schon eine halbe Stunde her! Also nochmal ein Restaurant, ein bisschen Wein schlürfen mit Ksenia, Ala und Alina und später gesellte sich dann noch der Holländer Sander dazu, der auch mit einem abenteuerlichen Minibusritt aus Georgien angereist war.
Am nächsten Morgen trudelte der Rest der Truppe ein. Die Belgier Inne und Daan, sowie die selbsternannte deutsche Kartoffel Henrick kamen ebenfalls aus Georgien angereist, Greg und Asha kamen aus Polen und Irene aus Litauen. Die ersten zwei Tage verbrachten wir damit, jeden Winkel Yerevans und und so ziemlich jedes Restaurant unter der Führung Tarons (local Guide) zu erkunden. Er zeigte uns verschiedene Statuen, Gebäude, Kunstwerke, Sehenswürdigkeiten und führte uns schließlich auch in das Genozid Museum, wo uns der Völkermord an den Armeniern vor Augen geführt wurde und ich wiedermal geschockt war, wie grausam Menschen zueinander sein können.
Obwohl ich Großstädte tendenziell eher versuche zu meiden, verliebte ich mich in die Vielfalt Yerevans. Es gab unglaublich viel zu entdecken und ich ließ mich einfach im Strom des Großstadtdschungels treiben. Trotzdem freute ich mich sehr als wir endlich in die Natur aufbrachen. Wir bepackten unsere Rucksäcke mit allerlei Ausrüstung und Proviant für 5 Tage und nahmen schließlich einen Bus, der uns an den größten See Armeniens brachte.
Zuerst stand eine kleine Tagestour auf dem Plan. Mit Tagesrucksäcken ging es also den ersen Hügel hoch und dort genossen wir die Aussicht auf den türkis farbenen See, der seiner Größe nach wohl an den Bodensee heranreicht, wenn nicht sogar übertrifft. Abends suchten wir uns dann an dessen Ufer ein schönes Plätzchen, bauten unser Lager auf und suchten Feuerholz (was tatsächlich schwer zu finden war, weshalb ich eigentlich lieber die zahlreichen Kuhfladen verbrannt hätte) und genossen den farbenfrohen Sonnenuntergang und den aufgehenden, immer voller werdenden Mond bei idyllischen Ukuleleklängen, Feuer und guten Getränken.
Unser zweiter Tag wurde der anstrengendste der Tour. Weder die Höhe (wir starteten bei ca 3000 m) noch das Gewicht der Rucksäcke waren wir gewöhnt. Wir gingen die Südwand des Berges Aragats hoch, den heiligen Berg Ararat mit seiner bezaubernden Form und stolzen 5600m im Rücken und bei der Hälfte unserer Strecke bekam der erste im Team trotz regelmäßiger Pausen Probleme mit der Höhe. Unser Bergführer Daniel packte kurzerhand ihren Rucksack und schleppte ihn zusätzlich zu seinem den Berg hoch. Das Gesamtgewicht seiner Ladung muss wohl so um die 30-35 kg gewogen haben. Man sah ihm die Anstrengung nicht an und sein einziger Kommentar war:“ Kein Problem, so langsam wie ihr geht, normalerweise bin ich viel schneller!“ So schafften wir es also auf die erste Anhöhe und durften einen ersten Blick in den Krater werfen. Der Anblick übertraf unsere Erwartungen. Verschiedene Grün-, Rot-, Grau- und Brauntöne bildeten umrandet von vereinzelten Schneefeldern verwobene Muster an den Berghängen. Wir staunten nicht schlecht, warfen unser Gepäck ab, erklommen die letzten Meter zum Gipfel und genossen das überwältigende Panorama aus 3900m Höhe. Daran satt sehen konnten wir uns nicht, trotzdem hieß es nach einiger Zeit sich an den Abstieg zu machen. Diese Nacht würden wir direkt im Krater campen. Unser Weg führte durch ein relativ steiles Geröllfeld. „Je schneller ihr runter geht, desto einfacher ist es!“ meinte Daniel und so nahm ich mir an ihm ein Beispiel, sprang von Serpentine zu Serpentine, von Stein zu Stein und war innerhalb von 15 Minuten am Pass angekommen. Meine Teamkollegen war diese Methode nicht ganz so geheuer und gingen das Ganze langsamer an. So gönnte ich mir in der Zwischenzeit ein Nickerchen. Zeit genug hatte ich, denn es dauerte über eine Stunde, bis das Team wieder vollständig versammelt war. Wieder vereint ging es etwas zügiger in die Mitte des farbenprächtigen und doch kargen Krater. Die Sonne ging bereits unter und der volle Mond auf, als wir unsere Zelte aufschlugen. Die Landschaft war wie gemalt. Rundherum karge Berge und Felsen und ein voller Mond, der in den vielfältigen Farbspektren des Sonnenuntergangs aufging. In diesem wundervollem Szenario kochten wir wieder zusammen, schmetterten noch den ein oder anderen Song und sanken glücklich und ausgepowert in unsere Schlafsäcke.
Der nächste Tag sollte wieder etwas einfacher werden. Wir ließen unser Gepäck im Lager zurück und machten uns daran die letzten paar hundert Höhenmeter zum Gipfel zu erklimmen. Tatsächlich merkte ich die dünne Luft in 4000m Höhe mehr als gedacht. Es ist tatsächlich so wie man sagt, es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man unter Wasser durch einen Schnorchel Atmen. Wie schön die Aussicht am Gipfel war, kann ich wohl weder in Worte fassen , noch können es die Bilder darstellen. Es war einfach wundervoll! Leider blieben wir nicht allzu lange. Nach ein paar Minuten machten wir uns wieder auf den Rückweg zum Camp. Ich im Sauseschritt, der Rest etwas gemütlicher. Dort packten wir unsere Sachen und es ging wieder talwärts. Wir folgtem einem Bachlauf und Schritt für Schritt wurde das Gelände wurde das Gelände und die Wiesen wieder grüner. Diese Nacht campten wir auf einer saftigen Wiese am Fuße eines Wasserfalls. Dort hatte ich auch mein persönliches Highlight der Reise. Ich duschte im eiskalten Wasserfall, während ich durch den Regenbogen, den die Gischt bildete, den Anblick auf unser Camp und das darunter im Tal liegende Dorf genoss. Ich dachte ich platze gleich vor Freude! Am nächsten Tag erreichten wir das Dorf, wo der Bus schon auf uns wartete. Er brachte uns zum nächsten Supermarkt, wo wir uns erst mal mit Kaffee und Bier belohnten. Ich fand es persönlich ziemlich lustig, dass wir ohne Ausnahme alle erst mal Bier kauften. Aber das hatten wir uns nach den Strapazen der letzten Tage auch wirklich verdient.
Ein bisschen beschwipst ging es im Bus zu unserem nächsten Ziel und wiedermal hatte Ksenia eine Überraschung für uns parat. Wir fuhren in einem Tunnel durch einen Berg und schlagartig änderte sich die trockene und karge Landschaft und wurde zum Urwald. Sattes Grün und Bäume soweit das Auge blicken konnte erwartet uns. Wir schauten uns dort eine weiter wunderschöne Kirche an, bevor wir an einem Rastplatz in diesem Paradies unser letztes Camp aufschlugen. Perfekter hätte die Location nicht sein können. Der Platz war mit einer Kochstelle und Grill ausgestattet, im Tal unten floss ein klarer kühler Bach, der eine Art natürliche Badewanne geformt hatten in der wir wuschen und zusätzliche gab es eine lange überdachte Tafel, an der wir nochmal schmausten wie die Könige und uns bis spät unterhielten und Spiele spielten. Schöner hätte der Abend nicht sein können.
Von dort aus ging es dann zurück in die Hauptstadt, die wir dann noch zwei Tage unsicher machten. Besonders beeindruckt hat mich am Schluss noch der Hauptplatz, an dem fast jeden Abend klassische Musik gespielt wird und sich dazu Wasserfontänen im Licht zu Musik bewegten und auch das Bier hat mich vom Hocker gehauen und das nicht weil ich zu viel davon getrunken hatte!
Dann kam das letzte Abendmahl in einem wunderschönen Restaurant, wo wir einen Raum für uns ganz alleine hatten, unsere Reise nochmal reflektierten, lachten, aßen und uns pausenlos zuprosteten und ansprachen hielten. Wir waren alle zu Freunde geworden. Schließlich kam dann der Anschied der uns allen schwer fiel. Wir umarmten uns alle wehmütig und unwissend ob wir uns jemals wiedersehen werden, und freuten uns zugleich, dass wir die Chance hatten in dieser wundervollen Gruppe dieses Abenteuer zu erleben.
An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall nochmal Ksenia erwähnen und hervorheben. Sie hat diese Reise so perfekt geplant, sie hat an alles gedacht, gleichzeitig genug Raum für Spontanität gelassen und sich als hervorragende Teamleiterin herausgestellt. Noch dazu muss ich sagen, dass sie mit ihren Reisen nichts verdient, nur Unkosten deckt und das, weil es ihr so viel Spaß macht. Ich bin nach wie vor schwer beeindruckt. Wenn ich euch also mit diesem Bericht inspirieren konnten so eine Reise mal zu machen, besucht Ihre Website Hiking Dream Team und schließt euch einer Tour an. Ihr könnt nichts falsch machen.
Zum Abschluss nochmal vielen lieben Dank Ksenia für Alles und auch vielen lieben Dank an das ganze Team, ihr seid der Wahnsinn!!!















Huhuuu, also ich bin wieder zurück in der Zivilisation nach zwei wundervollen Wochen.
Angefangen hat das Abenteuer als ich aus dem nahe gelegenem Terelj park vom Scheiße sammeln zurück gekommen bin.
Ich bin zuerst zur Travel Mongolia Touristen Information gegangen. Über die Agentur hab ich ein kostenloses Hostel gefunden und meine erste Tour in der Mongolei gebucht. Dort angekommen treffe ich auf Lucien, einem munteren Franzosen mit klassischem Schnurrbart. Klemm ihm ein Baguette unter den Arm und er schaut wirklich aus wie aus einem Bilderbuch geschnitten. Wir unterhalten uns ganz gut und tauschen uns über unsere Pläne aus. Es stellt sich raus, dass er genau wie ich Bock auf viel Natur und wandern hat. Er will in den Norden durch die Berge wandern und dann bei einer Rentierfamilie leben. Klingt interessant. Bin überzeugt, wann geht´s los? Morgen! Perfekt.
Also schnell Busticket gebucht, essen eingekauft und los geht´s. Zwölf Stunden in einem Nachtbus über holprige Straßen in den Norden. Endstation ist die Hauptstadt der Hövsgöl Region Moron. Dort werden wir von einer fließend Englisch sprechenden Mongolin abgefangen und zu einem Hostel gekarrt. Wir versuchen Informationen zu unseren Plänen zu bekommen. Leider gibt es keine detailierte Karten und jeder sagt zu dieser Jahreszeit ist es nicht möglich. Es ist zu kalt und in den bergen gibt es doch Wölfe und Bären. Lucien und mir ist das wurscht. Also nächtes Busticket und eine Aufenthaltsgenehmigung für die Grenzregion gekauft und los geht´s nach Hatgal. Hier werden wir los wandern. Immer noch auf der suche nach Infos treffen wir endlich auf einen Mann, der die reise für hart aber möglich hält. Seine Frau allerdings sagt letztes Jahr ist eine Frau in den Bergen gestorben zu dieser Jahreszeit. Woran kann sie uns nicht sagen, aber dass sie allein war. Wer reist denn schon allein.
Unser erstes ziel das wir ansteuern wollen ist Renchlthumb. Die Stadt liegt auf der anderen Seite der berge ca. 120 km von uns entfernt. Wir planen 5 tage Fußmarsch ein und kaufen dementsprechend viel essen ein.
Diese Nacht testen wir Luciens zelt. Es hat null Grad in der Nacht. Ganz schön kalt aber lässt sich schon aushalten.
Nächster Tag. Zelt abgebaut und los geht´s. Der Rucksack wiegt gefühlte 10 Tonnen. Bald lassen wir die „Stadt“ hinter uns. Die Natur am Hövsgöl Lake, der immer noch gefroren ist, ist wunderschön. Den ganzen Tag wandern wir am See entlang. Abend suchen wir uns eine windgeschützte stelle, machen feuer, kochen essen und Wasser, das man hier lieber abkochen sollte vor dem trinken.
Es dauert ewig vier Liter Wasser zu kochen. Wir beschäftigen uns mit Vodka und Schach. Spät fallen wir erschöpft ins zelt. Wir haben ca. 25 km zurück gelegt. Die Beine und Schultern tun uns weh. Wie wird es wohl am 2ten tag sein?
Nach einer weiteren kalten Nacht geht es weiter. Die schmerzen sind überwiegend weg. Wir legen ungefähr die gleiche strecke zurück und abends heißt es wieder Wasser und Essen kochen, Vodka, Schach. Wir schauen Leuten beim Eisfischen zu. Ich bin erstaunt, dass sie die kleinen Fische behalten und die großen zurück in den See werfen. Früher als am Tag zuvor geht es ins Bett und dementsprechend früher stehen wir auf und starten los. Unser Tagesziel ist Jigleg, ein Jurtencamp, das wir wie die meisten anderen Camps verlassen vorfinden. Wir erreichen Jigleg am frühen Nachmittag, nach 20 km Fußmarsch. Nach 2 stunden Mittagsschlaf beschließen wir den Bergpass noch zu überqueren und machen uns auf den weg. Bergauf laufen zieht sich ewig und ich bin hart am Limit. Zum Glück haben wir aber Max Fun, die Schokolade für alle fälle. Sie gibt uns soviel Energie, dass wir den pass überqueren und noch ein paar Kilometer mehr zurück legen. Zum feuer machen sind wir an dem Tag zu müde. Zum Glück hab ich Micropur zum Wasser aufbereiten dabei.
Die Nacht ist elendig kalt. Es hat zwischen minus 5 und minus 10 Grad. Am nächsten Morgen ist alles gefroren, inklusive wir und ich mache erst mal Feuer um uns aufzutauen.
Wir marschieren bald los um uns warm zu halten. Weil wir am Tag zuvor 32 km zurück gelegt haben, beschließen wir das zu topen und Renchlthumb zu erreichen. Ist ja nur 40 km entfernt und es geht hauptsächlich bergab. Der Weg ist schwieriger als gedacht. Oft müssen wir einen halb zugefrorenen Fluss überqueren. Das Eis zu überqueren wird ein Erlebnis. Oft brechen wir ein oder müssen die Schuhe ausziehen um den Fluss zu durchqueren. Zum Glück ist er nicht tief.
Wir marschieren den ganzen Tag ohne lange Pausen. Renchlthumb liegt in einer großen ebene. 5 km noch. Die Stadt ist in Sichtweite, aber die letzten Kilometer fühlen sich unendlich lang an. Kurz vor der Stadt überrascht uns dann noch ein Hagelsturm. Wir sind am Ende unsere Kräfte. Wir können kaum noch laufen und marschieren wie Zombies durch die Stadt auf der suche nach einem Supermarkt und Unterkunft. Wir sind überglücklich als wir einen „Supermarkt“ finden. Wir belohnen uns mit Zigaretten, Bier und Schokolade. Auch das „Hotel“ ist nicht weit und es gibt sogar eine heiße duschen. Wir sind im siebten Himmel.
Nachdem wir uns ausgeruht haben beschließen wir gegen Mittag am nächsten Tag weiter zu marschieren. Unser Ziel Tsaganuur liegt 43 km weit entfernt, also 2 entspannte tage Fußmarsch.
Den ganzen Tag durchqueren wir die Ebene in der Renchlthumb liegt. Man sieht ewig weit und es gibt nichts, was den wind bremst der uns entgegen bläst. Wir frieren und fühlen uns als würden wir kaum voran kommen.
Nach 23 km erreichen wir einen Fluss, den wir mit einer Fähre überqueren müssen. Die Fähre ist ein riesiges Floß, das noch per Hand am Stahlseil über den Fluss gezogen wird. Am anderen Ufer überlegen wir, ob wir noch weiter wandern. Wir entscheiden uns dagegen und dafür den Fährmann um einen warmen platz am feuer zu bitten. Wir kochen mit ihm, teilen was wir haben und plaudern, soweit das möglich ist, weil der Fährmann nur mongolisch spricht. Wir haben Spaß, essen, trinken Tee mit mal mehr und mal weniger Leuten in der winzigen Hütte und natürlich darf der Vodka nicht fehlen. Am ende sind wir ganz schön besoffen und fallen ins Bett.
Am nächsten Tag wird zusammen gefrühstückt und nachdem wir uns verabschiedet habe legen wir die letzten 20 km zurück. Völlig am ende erreichen wir Tsaganuur. Wir sind zwar nicht weit gelaufen aber unser 40 km Marsch hat Folgen. Wir haben blasen auf den blasen an unseren Füßen. Wir verartzten erstmal unsere wunden und gehen dann essen. Welch ein Luxus. Anschließend planen wir unsere Reise weiter. Unseren Füßen zuliebe und um zeit zu sparen mieten wir Pferde, die uns zum Tsatan zu einer Rentierfamilie bringen sollen. Wir reiten 8 stunden am nächsten Tag. Meinen Füßen geht es gut. Für meinen knochigen Hintern ist der Ritt eine Qual.
Aber wir sind endlich am ziel abgekommen. Wir wohnen die nächsten tage in einem Tippi in den Bergen in der Taiga mitten im nirgendwo. Die Leute dort leben zwar abseits, aber nicht unbedingt rückständig. Sie haben Telefon und sogar Fernsehen. Strom haben sie aus Autobaterien, die sie tagsüber mit Solar-panelen aufladen. Die Einwohner halten sich rentiere als Nutztiere. Lustige Tiere die komische Grunzlaute von sich geben. Die nächsten tage essen wir Rentierfleisch und trinken deren Milch. Ansonsten wandern wir viel und spielen viel Schach.
Nach drei Tagen geht es wieder zurück. Acht stunden reiten. Wie ich mich freue. Mein Hintern hat den letzten Ausflug nicht richtig verdaut.
Am nächsten morgen gibt es dann das nächste Abenteuer. Wir fahren mit dem Bus zurück nach Moron. Über 200 km über holprige Straßen, wenn man das Straßen nennen kann. Es gibt in der Mongolei kaum geteerte Straßen. Überwiegend nur sehr sehr holprige Wege. Ungefähr bei der Hälfte der Strecke bricht meine Rückenlehne weg. Mal bleiben wir im Schlamm stecken und müssen den alten russischen van per Hand raus ziehen. Dann Motorprobleme. Alle paar Kilometer gibt die Benzinpumpe den Geist auf und der Fahrer und Mitfahrer fangen wie wild an am Motor herum zu schrauben.
Wir brauchen 14 stunden für die strecke. Meine Arschknochen sind halb durch gescheuert. Am nächsten Tag wieder 12 stunden im Auto sitzen. Zwar fahren wir mit einem Geländewagen auf geteerten Straßen aber nach den Strapazen der letzten tage macht es keinen unterschied mehr worauf ich sitze. Es ist eine Qual. So bin ich froh gestern endlich in Ulaanbaatar angekommen zu sein und nicht mehr irgendwo sitzen zu müssen. Ja, reisen hier ist abenteuerlich und mal von Sitzproblemen abgesehen wunderschön. Jetzt organisiere ich noch meine abreise und dann heißt es wieder ein paar stunden sitzen – im Flug zurück nach Deutschland.
…und die Hügel brennen wieder!
Winterzeit ist Trockenzeit und das bedeutet, dass es genügend Möglichkeiten für die kleinsten Feuerchen gibt, sich auszubreiten und ganze Hügel verbrannt zu hinterlassen. Fährt man in letzter Zeit aus der Stadt raus, vor allem auf den Wegen in die Townships, sieht man, wohin man auch blickt, unzählige Rauchsäulen und Feuer. Ganze Hügel, bewachsen mit Gras, brennen ab – und oft wohnen die Menschen ganz in der Nähe. Wie sie es schaffen, die schwelenden Brände oder gar große Feuer zu löschen (weit oben an den Hügeln wird die Wasserversorgung immer schlechter) und so ihre Häuser zu retten, ist mir ein Rätsel. Aber sie schaffen es anscheinend, schließlich sind sie damit aufgewachsen. Zünden Menschen also im Winter ihren Müll an, den keine Müllabfuhr abholt, wird ein kleines Feuerchen oft zum Auslöser für großflächige Brände.
Ca. 2 Wochen später
Mittlerweile wird es schon sehr frostig hier in Südafrika. In Kapstadt und in höhergelegenen Gebieten fällt Schnee, was ich nicht erwartet hätte. Nachts sinken die Temperaturen auf knapp über Null Grad und man friert in den nichtbeheizten Wohnungen trotz der Versuche, sich mit mehreren Decken warm zu halten. Tagsüber kommt allerdings wieder die Sonne raus und lässt das Thermometer wieder bis auf 20 – 25 Grad steigen und es fühlt sich an als wäre Frühling. Zu der Kälte gesellt sich eine sehr trockene Luft, die die Haut und Haare austrocknet. Diese trockene Luft und der mangelnde Regen sorgen dafür, dass die sonst grünen Hügel zu ausgetrockneten braunen bzw. verbrannten schwarzen Hügeln werden. Mittlerweile wissen wir, dass die Feuer, die eigentlich überall schwelen und manchmal sogar lodern, eigentlich niemanden interessieren und auch niemand wirklich versucht sie zu löschen. Vor kurzem sahen wir zum ersten Mal ein Feuerwehrauto an uns vorbeibrausen. Vermutlich, weil das Feuer einer Schule zu nahe gekommen war. Ansonsten hat das Feuer die Möglichkeit, sich nach Lust und Laune in alle Richtungen auszubreiten. Gelöscht wird es selten. Irgendwann geht es dann wohl einfach von selbst aus und lässt reihenweise verkohlte Hügel zurück.
Royal Show in PMB
Plötzliches Rattern, Lärm von tieffliegenden Flugzeugen, immer wieder an- und abschwellendes Getöse mehrerer Maschinen: anfangs bin ich wirklich erschrocken aus unserer Wohnung im dritten Stock gerannt, weil mich die Geräusche an diverse Kriegsfilme erinnert haben. Aber keine Angst, hier ist alles in Ordnung, ich bin nur schreckhaft. Zurzeit findet in PMB nämlich eine große Messe statt, die „Royal Show“. Zum Auftakt dieser einwöchigen Veranstaltung gab es Konzerte und die erste mehrerer Flugshows. Vier Propellermaschinen fliegen gekonnt (oder auch nicht) dicht über den Häusern der Stadt und zeigen ihr Können. Am Sonntag machten Merlin und ich uns auf den Weg, um uns selbst ein Bild zu machen. Schon auf dem Hinweg fiel uns auf, dass eigentlich nur Weiße und Inder zu dieser Show kommen, Schwarze nur dann, wenn sie reich sind. Von Nah und Fern kommen sie an, in ihren großen Autos – und ich war schockiert. Schockiert, wie viele Weiße es doch in diesem Land gibt, ohne dass ich sie auch nur ein einziges Mal in der Stadt gesehen hätte. Jugendliche, unglaublich. Bewegt man sich in PMB zu Fuß, sieht man keine weißen Jugendlichen (und wenn doch, dann ist das eine Attraktion). Egal wo man unterwegs ist. Weiße findet man eigentlich nur in den Supermärkten und in den Malls. Ich fand es traurig, wieder einmal zu sehen, wie viel Angst die Weißen vor dem Rest der Bevölkerung haben. Zu dieser Show, die sich, da 50 Rand Eintritt verlangt werden, nur „Wohlhabende“ leisten können, da kommen sie – weil sie sich auf dem von hohen Mauern umschlossenen Gebiet sicher fühlen. Vielleicht ist es nicht nur Angst, sondern auch das fehlende kulturelle Verständnis. Aber mit diesem traurigen Thema könnte ich Seiten füllen, also weiter mit der Show (die ja auch wir Volunteers uns leisten können). Menschen, überall waren Menschen. Tausende drängten sich durch die Gassen und Hallen. Das groß angepriesene Orchester hat mich enttäuscht, es war so spärlich besetzt, dass die Musik durch Mikrofone verstärkt werden musste, damit alle Zuschauer etwas hören konnten. Und als dann nach 5 Minuten auch noch eine Sängerin auf die Bühne kam, die laut Merlin wie eine sterbende Kuh sang, machten wir uns vom Acker und erkundeten den Rest der Show. Panzer, eine Halle mit richtig üblem Omazeug (selbstgehäkelte (?) Stofftiere, genähte Decken und Strickartikel) und mäßigen Fotos, eine Beautyhalle in der sich ein Friseur an den nächsten reihte (oh nein, halt, es gab auch noch einen Stand mit sexy Unterwäsche – suuuper!). Autos, Motorräder, Traktoren. Arme Tiere, die in der Mittagshitze dem Publikum präsentiert wurden. Und eine Halle mit Essen und Getränken. Na gut, irgendwie hat es sich letztendlich ja doch gelohnt, hinzugehen: Merlin konnte noch einmal zumindest einen kleinen Teil von Kimbos Show genießen (Kimbo ist ein Clown, der vor kurzem einen Auftritt an einer Schule hatte, der von einem Paten aus der Schweiz bezahlt wurde) und wir haben ein wunderschönes Puzzle gekauft, Ravensburger ❤ : es zeigt eine antike Weltkarte, 3000 Teile – Beschäftigung für die nächste Zeit, wir puzzeln schon fleißig und besetzen den ganzen Esstisch 🙂
Musikvideo mit „Metabolic“
Weil Merlin und ich so viel Spaß am Videoprojekt für Siyabonga hatten (haha), haben wir uns überlegt, ein Musikvideo für eine Band aus Esigodini zu machen. Freitagvormittag solls losgehen, ich bin gespannt, was daraus wird. Cashflow macht viel Hip Hop/Rap, sowohl in Englisch als auch in Zulu (wobei die zulusprachigen Lieder eindeutig besser sind) und ihre Idee für das Video ist, „Rapper in verschiedenen Posen zu filmen“ – echte Gangster halt^^ Die drei Orte für die Shootings sollen die nahegelegene Mall sowie eine leerstehende Halle und ein Tuckshop im Township sein. Ich freue mich schon darauf!
Erste Aufnahmen
Die erste Aufnahmen machten wir in einem Tuckshop im Township. Nach unserem Fußballtraining, das nun Samstagvormittags für die allgemeine Community und nicht nur für von Siybonga gesponserten Kinder stattfindet, holte uns Nkanyiso alias Metabolic ab und wir machten uns zu Fuß auf zu unserem ersten Drehort. Es war ungefähr halb eins, also relativ früh, und trotzdem tümmelten sich schon jede Menge Betrunkene an dieser Taverne, die uns den Dreh ziemlich erschwerten. Die erste Schwierigkeit war allerdings, dass unser „Star“ überhaupt keine Vorstellung hatte, was wir filmen könnten, obwohl ich ihm mehrmals gesagt hatte, dass er sich über alles Gedanken machen soll. Ich sagte ihm, was wir filmen, liegt an ihm, wir sind für die Kamera und den Schnitt zuständig. Aber als wir am Drehort ankamen fragte er mich „Und was ist jetzt dein Plan?“ – was für ein Scherzkeks :D. Dann hieß es also erstmal nen Plan ausarbeiten und dann losdrehen. Der Plan war, dass unser Rapper von jemanden zu dem Shop gerufen wird, er anmarschiert kommt, angebotenen Alkohol ablehnt, straight zu dem CD-Player marschiert, ihn einschaltet und anfängt zu performen. Die betrunkene Meute sollte sich einfach weiter betrinken, schnell auf ihn aufmerksam werden und dann anfangen ihn zu feiern und zu tanzen. Dann sollten wir noch zwischen den einzelnen Drehorten wechseln und zwischen den einzelnen Szenen, um ein bisschen Abwechslung reinzubringen und die Rapper in verschiedenen Posen zu zeigen. Ich halte das ganze Konzept für nicht besondert brilliant, eher ziemlicher Bullshit, weil sowas niemanden bewegt und sowas niemand sehen will, aber es ist ja schließlich nicht mein Musikvideo. Wir wollten also mit der Anfangsszene loslegen, allerdings wurde daraus nichts. Man muss natürlich jede Szene mehrmals filmen, bis man sie richtig im Kasten hat und das führte dazu, dass die Meute, die ja schließlich auch ein Teil davon sein sollte, unruhig wurde, weil sie es nicht mehr erwarten konnten, vor meiner Linse auf- und abzuhüpfen. Schließlich stellten wir Nkanyiso einfach in eine Ecke der Taverne und ließen ihn performen. Wir filmten diesen Part mehrere Male, versuchten auch etwas ältere Personen miteinzubeziehen, was aber an Verständigungsproblemen und Alkoholeinfluss scheiterte. Geschafft gaben wir den ersten Tag auf, gaben uns mit den wenigen brauchbaren Aufnahmen zufrieden, sprangen in den nächsten Taxibus und es ging wieder nach Pmb City.
Das Wochenende darauf wollten wir das Projekt wieder angehen. Der Plan, in der Mall zu filmen wurde mittlerweile gänzlich aufgegeben. Der einzige Drehort, der jetzt noch geplant war, war eine Halle im Township, vor der die Jungs performen wollten. Dieses Wochenende hatten wir kein Auto zur Verfügung und deshalb fuhren wir schon frühmorgens mit unserem geliebten Taxibus nach Esigodini. Diesmal wurde uns die Dreharbeit erschwert, weil ich vergessen hatte, meine Akkus der Kamera aufzuladen, also performten die Jungs (es waren irgendwie jedes mal unterschiedliche Nebencharacter dabei ) ihren Song ein paarmal, einmal vor der Halle, einmal auf einem Container, der vor der Halle stand, und damit waren auch für den Tag die Dreharbeiten wieder geschafft. Unser nächster Drehtag ist erst wieder in 2 Wochen. Bis dahin habe ich den Jungs versprochen, die Szenen auszuarbeiten, Videosequenzen zurechtzuschneiden und rauszufinden, ob wir noch mehr Videoaufnahmen brauchen oder ob ich aus dem bereits bestehendem Filmmaterial schon ein Video zusammenschnippseln kann. Die nächste Zeit gibts also wieder mal was zu tun im Office.
Sing- und Tanz-Talentshow
Letzten Freitag durften Merlin und ich zu einer Sing- und Dancecompetition, an der auch die Izwilesizwe-Schule, an der viele Kinder von Siyabonga unterstützt werden, teilnahm. Wir kamen etwas ratlos an, da wir nicht genau wussten, wo die Competition stattfinden sollte. Also suchten wir erst einmal die Straße ab, bevor wir uns vor einem Gebäude, das so aussah, als könnte die Show darin stattfinden, typisch wie dumme „Mulungus“ (Zuluwort für „Weißer“, wie wir oft genannt werden) stellte und darauf hofften, die Direktorin der Schule zu treffen. Nach kurzem Warten entschlossen wir uns dazu, trotzdem reinzugehen. Fragen kostet ja nichts. Es herrschte bereits vor der Tür ziemlicher Trubel und wir mussten ein paar Minuten warten, um in die Halle zu gelangen. Natürlich – wie immer bei solchen Veranstaltungen – waren wir die einzigen Weißen und zogen die Aufmerksamkeit auf uns. Der Saal war mit Stühlen bestückt und vor der großen, geschmückten Bühne standen die Tische, an denen die einzelnen Jurymitglieder saßen und fett was zum fraisen bekamen – ungefähr alle fünf Minuten^^ Die erste Hälfte bestand aus verschiedenen Chorauftritten. Die Kinder sangen alle recht schön, allerdings keine „afrikanischen“ Stücke, sondern ganz normale Chorlieder. Einige waren auch wirklich richtig gut und Merlin und ich fotografierten und filmten – typisch Mulungus – alles. Aber das Highlight und das, an was wir uns rückblickend natürlich immer erinnern werden, fand in der zweiten Hälfte statt, wo die Kinder ohne Chorleitung oder Lehrer auftraten. Merlin und ich witzelten schon die ganze Zeit, dass bestimmt gleich schwarze, tanzende Mädchen oben ohne auf die Bühne kommen würden und dass wir ja auch nur deshalb hergekommen seien – und dann kamen sie und ich wurde vom Hocker gerissen. Wow, unglaublich! Bekleidet mit einer schwarzen Unterhose und vielen, vielen Perlenketten um Arme, Beine und den Hals kamen die Mädchen (laut Zulutradition dürfen nämlich nur Frauen, die schon ein Kind bekommen haben, einen BH tragen – ist im echten Leben natürlich nicht so) und mit ihrer traditionellen Kleidung, nämlich beigen Hosen und Hemden mit bunter Aufnähern und dem Kopfschmuck, der aus Leder und Fell besteht, die Jungs. Stampfend und singend, aus vollem Halse wunderschön afrikanisch singend, kamen sie auf die Bühne und sangen und tanzten, was das Zeug hielt. Ich war wie verzaubert. Diese Musik ist wirklich Musik, die die Kraft hat, Menschen zu bewegen, die Tradition hat, ein Kulturgut und so unglaublich schön ist. Fremd und doch bekannt, aus tiefstem Herzen gesungen und mit einer großen Ausstrahlung, verbunden mit der südafrikanischen Lebensfreude. Es waren für mich mehr als perfekte Momente. Diese Musik hat, so dumm es auch klingt, mein Herz berührt. Diese Menschen haben so viel Talent und ich wünsche mir, dass jedes einzelne dieser Kinder später im Leben die Chance bekommt, glücklich zu werden. Eine andere Gruppe zeigte den, von wunderschönem Sologesang begleiteten traditionellen Tanz der Zulus, bei dem das Bein mit aller Kraft so hoch wie möglich geschleudert wird, bis zum Kopf. Die Intensität, die sowohl die Mädchen als auch die Jungen ausstrahlten war greifbar. Die Zuschauer unterstützten die drei Tanzgruppen während des gesamten Auftrittes mit Klatschen, Stampfen und Singen. Nach diesen imposanten Auftritten fand die Preisverleihung statt, bei der jeder Chor oder jede Gruppe mindestens einen Preis erhielt. Abschließend standen alle auf, um die Nationalhymne zu singen. Begleitet wurden sie vom vielstimmigen Chor aller Kinder, die zuvor aufgetreten waren. Alle sangen mit und manche fassten sich an den Händen. Und ich fand es in diesem Augenblick sehr schade, nicht wirklich teil dieser Gemeinschaft gewesen zu sein. Und es machte mich auch traurig, dass Deutsche niemals so offen, so traditionell, so frei wären, um so zu aufzutreten wie diese Kinder. Und dass man in Deutschland die Nationalhymne nicht mit solchem Stolz singen kann, wie die Menschen hier, in diesem neugeborenen Land, das langsam aber sicher aufstrebt. Ich liebe Südafrika.
Art in the Park
Überall in der Stadt hingen Plakate aus, die Werbung für eine Kunstaustellung machten: „Art in the Park“ und auch unsere Projektmanagerin Ute riet uns da mal hinzuschauen, weil es sehr Sehenswert wäre und da auch immer Musiker spielen würden. Natürlich waren wir interessiert und latschten deshalb am Sontag, den letzten Tag der Auststellung, in den nahe gelegenen Alexandra Park. An diesem Wochenende war wirklich viel los in der Stadt. Als wir die Flat verliesen, wurden wir von Lautersprechern der Royal Show beschallt und als wir aus dessen Reichweite waren, beschallte uns die Art-in-the-Park-Veranstaltung. Das Event schien also richtig groß zu sein. Kaum waren wir im Park angelangt, befanden wir uns in einer riesigen Sportveranstaltung. Wir suchten vergeblich nach Kunst. Das einzige was wir fanden, waren Marathonläufer, die durch den Park gelotst wurden und von einem wahnsinnig lauten Sprecher und Publikum angefeuert wurden. Wir waren uns sehr schnell einig – das war nicht die Veranstaltung zu der wir wollten. Wir fragten eine Parkplatzeinweiser, der uns bestätigte,das wir uns im besagten Park befänden. Wir hatten keine Lust uns die umhergallopierenden Muskelprotze anzuschauen und so machten wir uns vom Acker. Es führt allerdings noch ein ander Weg in den Park, den wir kurz darauf fanden. Ein Pfad führt uns letztendlich doch zu der etwas versteckten Veranstaltung. Etwa zwei dutzend Austeller hatten sich Versammelt und zeigten ihre Gemälde. Darunter befanden sich Kunstwerke in allerlei Stilen, worunter mir die Bleistiftzeichnungen, die teilweise wie Fotographiert wirkten, am besten gefielen. Zuzätzlich zu der Kunst fürs Auge wurde wie versprochen auch Musik geboten. Auf einer spärlichen Bühne sang eine junge Sängerin, die sich selbst mit der Gitarre begleitete. Zunichte gemacht wurde dies allerings von der Sportveranstaltung und seinem lauten Sprecher. Nahdem wir uns 10 min die Austellung gegönnt hatten, machten wir uns wieder auf dem Weg nach Hause. Dieser kleine Ausflug war leider ein großer Reinfall. Vor allem stellte ich mir die Frage, warum für eine so große Veranstaltung soo viel Werbung gemacht wurde, von der riesigen Veranstaltung daneben aber keiner von uns wusste.
Thandis Geburtstag
Thandis Geburtstag stand vor der Tür und Anna und ich überlegten uns, was man ihr denn zum Geburtstag schenken könnte. Unser Plan war letztendlich, in die Pietermaritzstreet zu fahren und ein lebendiges Huhn für sie zu kaufen. Gesagt getan. Nach der Sonderspende fuhren Anna und ich los und kauften ein wunderschönes braunes Huhn, nicht in der Pietermaritz Street, sondern der Boom Street, weil die da schöner sind. Man zahlt dort für eine lebendige Legehenne 60 Rand, also bisschen unter 6 Euro. Das ist meiner Meinug nach ziemlich wenig. Das Huhn wir dann aus dem Käfig gezerrt, in eine Tüte gestopft und zugeknotet, sodass nur noch der Kopf oben rausschaut. So hatten wir also ein Huhn, das auf der Rückfahrt brav auf meinem Schoß schlief. Thandi freute sich sehr über dieses Geschenk, aber stellt euch mal vor ihr schenkt jemanden in Deuschtland einfach mal ein Huhn, das ihr irgendwo auf der Straße gekauft habt – beides undenkbar. Als Straßen-Huhn-Verkäufer würde man einen warscheinlich schnell einbuchten und der Beschenkte würde einen für verrückt halten. Thandi allerdings freute sich darüber und versicherte uns, dass „Chicky“ bei ihren anderen 20 Hühnern bestimmt schnell Freunde findet, nachdem sie von denselben erstmal gerupft wird. Zu dem Huhn haben wir noch einen leckeren Tiramisú-Kuchen gebacken und so war an ihrem Geburtstag jeder glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende.
Ende.
Anna und ich stellten uns die Frage, wo wir denn lieber wohnen würden, wenn wir die Wahl hatten zwischen Bergen und am Meer. Beides hat natürlich wie immer seine Vor- und Nachteile, letztendlich kamen wir aber zu dem Entschluss, dass uns Berge besser gefallen würden, weil wir beide gern wandern, klare Bergluft und das Panorama lieben, und uns das Wellenrauschen des Meeres auf Dauer tödlich nerven würde. Und aus diesen Gründen zog es uns genau dort wieder hin. Ein weiterer Grund war, dass wir bei unserem letzten Besuch aus wetterbedingten Gründen die Thukela Falls nicht sehen konnten und wenn man schon einmal drei Fahrtstunden von den zweithöchsten Wasserfällen der Welt wohnt, ist es fast eine Schande diese nicht wenigsten einmal zu Gesicht bekommen zu haben.
Wir, diesmal Anna, Lea, Almut und ich, wählten kurzfristig das nach dem Wetterbericht schönste Wochenende aus, Auto wurde gemietet und los ging es. Am Freitag, drei Stunden nach der Arbeit kamen wir in unser Lieblings- B&B, dem Amphibackpackers, an. Diese Schnarchnasen hatten allerdings meine Buchung nicht registriert und wir mussten ein Zimmer buchen, das teuer war als wir ursprünglich geplant hatten. Wir buchten also einen Privat Room Deluxe für 200 Rand pro Kopf. Der Unterschied zu einem normalen Privat Room war aber dann nur, dass man die Klotür komplett schließen konnte, wir einen Kühlschrank, einen schimmelnden Wasserkocher und einen nicht funktionierenden Toaster hatten. Ich muss sagen, das waren die 40 Ränder pro Person auf jeden Fall wert.
Wir blieben in dieser Bude nur eine Nacht und zogen am nächsten in unsere ursprünglich gebuchte Bude und mussten so unserem Luxus leider Lebewohl sagen. Nach dem Umzug und einem mit in der Mikrowelle aufgewärmten Kaffee und Tee machten wir uns auf den Weg zu den Wasserfällen. Wenn man den zum unteren Teil der Wasserfälle möchte, fährt man eine geschätzte halbe Stunde bis man den Royal Natal Park erreicht und man losmarschieren kann. Zum oberen Teil muss man allerdings den Park umrunden, was gut und gern hundert Kilometer sind. Die ersten paar Kilometer mussten wir ziemlich langsam fahren, weil die Straße von Horden von Baboons (Pavianähnlichen Bergaffen) belagert wurde. Die nächsten Kilometer mussten wir langsam fahren, weil wir eine Baustelle durchqueren mussten, an der meiner Meinung nach schon seit hundert Jahren nicht mehr gearbeitet wurde und uns trotz einer Geschwindigkeit von 40 km/h kilometerweit durschüttelte. Anschließend durchquerten wir noch die für Weiße unaussprechliche Stadt Qwaqwa (unaussprechlich, weil Q ein Klicklaut ist und man mit der Zunge ein Korken-Knallen-ähnliches Geräusch machen muss) und passierten endlich das Tor zum Royal Natal Park. Allerdings waren noch nicht alle Hürden überwunden. Man konnte ein gutes Stück den Berg hinauffahren und sein Auto dort parken, um nicht allzu weit wandern zu müssen. Wie üblich bräuchte man dazu einen Jeep oder einen Truck um die tiefen Rillen und herausragenden Felsbrocken managen zu können. Dank meiner herausragenden Fahrkünste schafften wir das allerdings auch mit unserem kleinen VW- Polo, der zerbrochene Unterbodenschutz ist das Opfer das ich bringen musste. Nochmal würde ich mir die Chance auf die zweithöchsten Wasserfall nicht entgehen lassen.
Letztendlich erreichten wir trotz steilen, felsigen Passagen den höhergelegenen Parkplatz und wurden dort bereits mit einer gigantischen Aussicht auf die Umgebung belohnt. Wir waren umgeben von samtig aussehenden, grün und rötlich schimmernden Hügel- und Bergformationen in dessen Tälern sich hier und da ein See angesammelt hatte. Wir freuten uns riesig auf die Aussicht, die uns ganz oben erwarten würde und stürmten sofort los. Vielleicht stürmten wir anfangs ein wenig zu schnell los, was Lea zum Verhängnis wurde. Sie stürmte über die Klippe, brach sich den Hals und wir waren nur noch zu dritt. Nein, natürlich nicht! Kleiner Scherz am Rande, ihr Kreislauf spielte verrückt, einerseits wegen der extrem stechenden Sonne und anderseits wegen der ziemlich steilen Pfade und natürlich kam noch der Höhenunterschied dazu, denn mittlerweile befanden wir uns auf über 2000 Höhenmeter. Den restlichen Weg dürfte ich deshalb Lea mitziehen, die trotzdem nicht aufgab, sondern sich an meinem Rucksack einhakte und tapfer weiter marschierte. Kurz vor dem Gipfel, wenn man das so nennen kann, weil der obere Teil eine ziemlich große Plattform war, mussten wir noch ein Stück klettern und sahen nebenbei den ersten Schnee in Südafrika. Der Pfad, den wir hoch kletterten bestand aus Schneematsch und losem Geröll und man musste höllisch aufpassen, keine Lawine loszutreten und den Hintermann damit wieder ins Tal zu befördern.
Die Aussicht oben war wie erwartet gigantisch. Wir hatten uns den perfekten Tag rausgesucht. Es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen und man konnte kilometerweit die Landschaft betrachten, die mich wieder an das Auenland des Herrn der Ringe Romans erinnerte. Anna meinte, dass die Landschaft so aussieht, als würde gleich hinter einem der Hügel ein Drache aufsteigen.
Wir schossen unzählige Fotos, genossen die Momente und machten uns wieder auf den Abstieg, schließlich wird es hier mittlerweile um sechs Uhr dunkel und keiner hatte Lust, sich wirklich den Hals zu brechen. Wir wählten eine andere Route zurück, weil der Abstieg über die Geröllhalde wohl gefährlicher gewesen wäre als der Aufstieg. Den Weg, den wir rauf auf einer Schräge geklettert waren, ging es nun fast senkrecht wieder runter und zwar anhand von Stahlleitern. Die waren zwar sehr wackelig, aber sicher befestigt, was einem den Puls ganz schön hochtrieb, dafür war der ganze Spaß weniger anstrengend und vor allem ging es viel schneller voran. Wir knechteten in einem guten Tempo zurück zum Auto, genossen ein letztes Mal die Aussicht und ließen uns auf dem Heimweg nochmal ordentlich durchschütteln.
Abends wurde noch Nudeln mit Käsesoße gekocht und Anna und ich ließen den Abend noch gemütlich an der Bar, dem Pooltisch und der Tischtennisplatte im Dunkeln bei Schwarzlicht ausklingen. Um noch richtig Party zu machen war an diesem Abend jeder zu müde.
Am Sonntag wurde erst mal ausgeschlafen und im Backpackers gefrühstückt. Danach fuhren wir den kurzen Weg in den Nationalpark. Auch hier tummelten sich wieder überall Baboons, die sich gemütlich auf der Straße lausten, völlig unbeeindruckt von irgendwelchen Touris oder deren herannahenden Autos.
Wir hatten vor, abends wieder zuhause zu sein und hatten außerdem keine Lust, wieder den ganzen Tag auf den Beinen zu sein. Unser Tagesziel waren dann die Sunday Falls, bei denen wir vor Kurzem schon waren und zu denen man nur eine Stunde zu laufen hatte. Wir badeten am Wasserfall und sonnten uns auf warmen Steinen, um unsere vom Gebirgswasser zu Eisklötzen gefrorenen Körper wieder aufzutauen. Ich sah zufällig, wie sich hinter Anna auf dem Stein etwas schlängelte und rief: „Schlange hinter dir!!“ – was ziemlich dumm von mir war, weil Anna darauf wie vom Tarantel gestochen aufgesprungen ist und ihr deshalb mehr hätte passieren können. Aber so sahen wir endlich mal eine Schlange und noch dazu eine grüne Mamba. Leider war sie zu schnell weg und wir konnten kein Foto schießen.
Aber die Bilder und schönen Erlebnisse bleiben uns alle in unserer Erinnerung und damit ging es Fullspeed mit einem fetzen Sonnenbrand des letzten richtig warmen Wochenendes wieder zurück nach PMB.
Schon seit längerer Zeit haben Merlin und ich im Internet und auch sonst überall nach irgendwelchen Möglichkeiten gesucht, nach der Arbeit noch Sport machen zu können. Nachdem unser erster Einfall, nämlich regelmäßig Schwimmen zu gehen, aufgrund fehlenden Locations bzw. mangelnden Geldes zunichte gemacht wurde, beschlossen wir, uns nach Kampfsportarten in PMB umzusehen. Schnell wurden wir fündig, erkundigten uns telefonisch und besuchten das Training probeweise. MMA, Mixed Martial Arts mit dem Schwerpunkt Wing Chun, ein Training, das uns gleich beim ersten Mal richtig gefordert und sehr viel Spaß gemacht hat. Zum Glück ist das Training immer montags und donnerstags, jeweils zwei Stunden am Abend, da können wir dann das Auto benutzen. Bis jetzt haben wir verschiedene Kampf- und Verteidigungsmethoden gelernt. Die Leute da sind echt nett und der Trainer kann richtig viel. Es gibt sehr lustige Einheiten, z.B. stellt sich eine Person in die Ecke, alle anderen drücken mit vollem Körpereinsatz dagegen und die Person muss versuchen, freizukommen. Oder eine Person liegt am Boden, alle anderen auf ihr drauf und man muss versuchen, ruhig weiterzuatmen. Oder eine Person steht im Kreis und alle anderen hauen auf sie ein und schubsen sie im Kreis herum – und alle haben einen Heidenspaß daran, sich gegenseitig zu verkloppen 😀 Jedenfalls freuen Merlin und ich uns auf Montag und Donnerstag – dann lernen wir wieder neue Dinge!
Nachdem wir nun (endlich) unser Videoprojekt abgeschlossen haben, boten wir der „Esigodini-Crew“, einer Gruppe von Musikern aus dem Township, an, mit ihnen ein Musikvideo für eines ihrer Lieder zu drehen. Mal sehen, was für Ideen sie haben und wie wir das ganze umsetzten können. Aber auf jeden Fall haben wir endlich wieder mehr im Township zu tun und Kontakt zu jungen Menschen.
Ansonsten sind wir wie immer vormittags im Office, nachmittags aber zum Glück immer draußen im Zentrum bei den Kindern. Vor ein paar Tagen haben wir zusammen mit den einzelnen Jahrgangsstufen gebastelt und gemalt – unglaublich, wie sehr sich die Kinder über ein selbstgebasteltes Boot oder eine Knalltüte freuen. Schade, dass es hier an den Schulen keinen Kunstunterricht gibt, in dem die Kinder feinmotorische Fähigkeiten erlernen und sich einfach zur Abwechslung auch mal kreativ betätigen könnten. Kunstunterricht ist teuer – und deshalb hier fast nicht möglich. Umso schöner, wenn die Kinder mit Begeisterung beim Basteln dabei sind 🙂
Auch beim wöchentlichen Fußballtraining am Freitag läuft alles bestens. Die meisten Jungs kommen nun regelmäßig und auch meistens einigermaßen pünktlich, sodass wir genug Zeit fürs Training haben. Was mich immer wieder erstaunt ist die Tatsache, dass junge und ältere Jungs sehr gut zusammenspielen. Die Kleinen sind wirklich noch sehr klein, so klein, dass man sie beim Spielen leicht übersieht. Und natürlich sind sie auch noch nicht so schnell oder gut wie die Großen. Aber trotzdem bekommen sie auch Bälle zugespielt, haben Torchancen und laufen neben den Großen – die ihre großen Vorbilder sind – her. Jeden Freitag nach dem Training können Merlin und ich zufrieden nach Hause gehen, weil die Jungs wieder ein Stück weit besser geworden sind.
Wir haben noch drei lange Monate vor uns. Eigentlich gar nicht allzu viel Zeit, wenn man bedenkt, dass schon mehr als die Hälfte unserer Zeit hier in SA vorbei ist. Aber zur Zeit läuft einfach alles so gut, die Kinder sind viel zutraulicher, weil wir so oft ins Zentrum kommen, das Wetter ist schön, wir haben auch außerhalb vom Office und an den Wochenenden was zu tun – wir sind zufrieden!
Wie eigentlich immer, ist schon wieder einige Zeit seit meinem letzten Bericht vergangen. Das lag einerseits daran, dass einfach die erste Zeit nichts passiert ist, worüber es sich gelohnt hätte zu berichten, danach ist ziemlich viel passiert und es blieb mir kaum die Zeit mich zwischendurch an den PC zu setzten und als diese Phase vorbei war, genoss ich die Ruhe und zog es vor zu faulenzen anstatt zu schreiben. Letztendlich konnte ich mich dann doch dazu aufraffen.
Das erste was nach der Langeweile- und Gammelperiode wohl passiert ist, war das Zwischenseminar in Kenosis, ca. 10 km außerhalb von Pietermaritzburg. Wer meinen Blog von Anfang an verfolgt hat, erinnert sich vielleicht noch daran, wie toll ich das Vorbereitungsseminar gefunden habe. Das zweite Seminar war für mich leider bei weitem nicht so lehrreich, aber ich nahm die Gelegenheit wahr, aus der Stadt rauszukommen, neue Menschen kennen zu lernen, bekannte Gesichter wiederzutreffen und Spaß zu haben. Die Mehrheit der Teilnehmer kam natürlich aus Südafrika, vier Leute aus der Umgebung von Kapstadt, und natürlich die fünf Siyabonga-Freiwilligen. Zwei Teilnehmer kamen aus Mosambique, vier aus Namibia, darunter Marie, die ich bereits vom Vorbereitungsseminar kannte, nicht zu vergessen der Leiter der beiden Seminare, Christian, der aus Gambia angereist kam.
Die ersten die eintrafen waren die Volunteers aus Namibia. Sie kamen 2 Tage vorher an und quartierten sich für die Tage vor dem Seminar bei uns ein. Sie waren mit dem Intercity-Bus zwei Tage lang durchgefahren und waren dementsprechend übernächtigt als wir sie von der Bushaltestelle abholten. Sobald sie etwas Schlaf nachgeholt hatten, zeigten wir ihnen ein wenig die Stadt und veranstalteten lustige Koch- und Tanzpartys in unserer Küche.
Zwei Tage später fuhr uns unsere Projektmanagerin Ute dann zum Seminar. Darin ging es dieses Mal hauptsächlich, sich mit anderen Freiweilligen über die Projektstellen auszutauschen, was natürlich interessant war, und über Probleme an der eigenen Projektstelle zu reden und Lösungen dazu zu finden, was ich weniger interessant fand. Wofür ich mich viel mehr begeistern konnte als die Kurse, die Vor- und Nachmittags stattfanden, war einerseits das Grundstück auf dem wir uns während dieser Woche befanden, und die zwei Ausflüge in die Natur, die wir unternahmen. Im Allgemeinen kann ich wohl sagen, die Natur hat mich auf dem Seminar begeistert . Die Affen tummelten sich überall auf dem Gelände und ich wurde nicht müde, sie den ganzen Tag zu beobachten und sie mit Früchten zu locken, genauso tummelten sich in jedem Winkel große Spinnen, die ziemlich giftig aussahen, es aber nicht waren.
Auf unserem ersten Ausflug ging es in den botanischen Garten von Pmb, ein riesiger Park, in dem man stundenlang herumlaufen, auf große alte Bäume klettern oder man Insekten wie eine elefantöse Raupe oder eine giftgelbe Spinne beobachten kann.
Der zweite Ausflug ging ins Cumberland Naturreservat. Uns wurde gesagt, dass man in dem Reservat Giraffen und Schlangen sehen könne, die sich dort auf den warmen Steinen sonnen (die Schlangen, nicht die Giraffen). Weil es nicht weit von Kenosis weg war, gingen wir zu Fuß. Nach einem 3 Stunden-Marsch brannten Anna und ich darauf die Tiere zu sehen und angeblich gab es auch eine schöne Route zu einem Wasserfall, so marschierten wir also weiter. Als erstes liefen wir ein paar Giraffen über den Weg, die allerdings ziemlich scheu waren und weggaloppierten, mein Highlight des Tages. Eine galoppierende Giraffe schaut einfach unglaublich komisch aus. Die Wegbeschreibung zu den Wasserfällen war leider nicht eindeutig und natürlich kamen Anna und ich nicht da an, wo wir hinwollten. Wir landeten in einer Sackgasse an einem Ferienhaus, an dem wir ein „Vorsicht Krokodile“-Schild sahen, leider aber keine Krokodile. Unsere Zeit wurde knapp, wir mussten wieder den gleichen unspektakulären Weg, auf dem sich keine einzige Schlange sonnte, zurück und mussten uns am Ende des Tages damit zufrieden geben „nur“ Giraffen und ein paar Antilopen gesehen zu haben.
Wir kamen alle relativ gut aus auf dem Seminar und Zeit die wir alle zusammen verbrachten verging letztendlich viel zu schnell. Auch wenn ich die Themen diese mal nicht so interessant fand, fand ich es schade Kenosis wieder verlassen zu müssen.
Kurze Zeit darauf hatten wir wieder volles Haus. Annas Schwester kamen zu Besuch. Leider hatte ich die ersten Tage ihres Besuches nicht die Möglichkeit sie kennenzulernen, weil Anna gleich am nächsten Morgen mit ihnen nach Coffee Bay düste. Die wohl langweiligsten Tage meines Lebens begannen. Zum Glück waren sie nur 4 Tage weg und die Ankunft von Franzi (gute Freundin aus Pfarrkirchen) stand vor der Tür. Franzi kam am 24.03 in Durban an, völlig übermüdet, wie alle die eine größere Strecke hinter sich haben. Am nächsten Tag durfte sie mir erst mal beim Monatseinkauf helfen, das heißt an die Kasse vom Supermarkt stellen, überprüfen, dass sie keinen Scheiß einkaufen und die Kiloschweren Maismehlsäcke in die Einkaufswägen der Gogos wuchten. Es war vielleicht nicht besonders spannend (dafür besonders anstrengend), aber sie hatte immerhin die Gelegenheit meinen Arbeitsalltag kennenzulernen, der an diesem Tag nicht beinhaltete die Zeit im Office totzuschlagen. Was ihr an diesem Tag besonders aufgefallen ist, war, dass hier doch viel mehr Bleichgesichter wohnen, als man bei einem afrikanischen Land vermutet.
Der nächste Tag verlief relativ entspannt. Unser eigentlicher Plan war es mit unseren Gästen in den Cumberland-Park zu fahren, in der Hoffnung, vielleicht dieses Mal Schlangen zu sehen. Leider spielte das Wetter nicht mit und wir gingen stattdessen in die Art-Gallery und ins Butterfly-Museum.
Am Tag darauf ging es dank besserem Wetter dann doch ins Freie. Wir besuchten das nicht weit entfernte Tala Game Reserve, in dem man allerlei afrikanisches Getier begaffen kann, so ziemlich alles, nur leider keine Großkatzen. Dank des Wetters am vorherigen Tag, waren leider nur die Hauptwege des Parks befahrbar, weshalb wir weit weniger Eintritt zahlen mussten, aber dafür auch viel weniger Tiere sahen. Irgendwie haben wir mit Tieren kein Glück. Wir sahen an dem Tag wieder Giraffen, Antilopen, ein Gnu-ähnliches Tier, das soweit ich weiß „Wild Beast“ heißt, Warzenschweine und zum Glück am Schluss noch 2 riesengroße Rhinos. Der Tag war gerettet. Wir warteten noch eine Weile vor einem Wasserloch, um vielleicht noch ein oder mehrere Hippos vor die Linse zu kriegen, leider vergeblich und wir dampften ab.
Ohne Unterbrechung ging es weiter zu den Howick-Falls, an denen Anna und ich ja bereits schon mal waren. Marschierten wieder mal den Dschungel-Weg zu den Wasserfällen, machten ein Fotoshooting ganz nach dem Motto „Wer schneidet die hässlichste Grimasse“ und tranken, wieder oben angekommen, Eiskaffee aus einem Weißbierglas.
Am Donnerstag arbeitete Anna und ihre Schwestern mein Monatseinkauf mit, während Franzi und ich die weniger touristische Seite Südafrikas entdeckten. Als erstes gingen wir auf Franzis Wunsch shoppen in der Fußgängerzone von Pietermaritzburg. Shoppen mit Frauen finde ich persönlich sehr anstrengend und war froh, dass sie schnell keine Lust mehr hatte. Danach besuchte ich mit ihr Rasta an seinem Arbeitsplatz und gingen anschließend in die belebteste Straße von Pietermaritzburg, die Pietermaritz, in der man alles kaufen kann, von Kleidung über Messer bis Hühner die eine auf der Straße angeboten werden. Unsere Fahrt ins Center nach unserer Stadtbesichtigung war dann leider etwas enttäuschend, weil ich vergessen hatte, dass die Kinder Ferien hatten und deshalb vormittags anstatt nachmittags da waren.
Am Freitag ging es dann endlich raus aus Pmb und Umgebung. Unser Ziel waren die Drakensberge. Pietermaritzburg liegt ja praktisch am Fuße der Drakensberge, so war das ganze also mehr oder weniger ein Katzensprung und nach 3 Stunden Fahrt waren wir in dem schönsten Backpackers weit und breit. Für den Komfort, der uns da geboten wurde, war das ganze wirklich ziemlich günstig. Wir mieteten einen private-room für 150 Rand pro Person. Dazu konnten wir so ziemlich alles, was sich auf dem Gelände befand benutzen. Das beinhaltete einen Pool, einen Whirlpool, eine kleine Kletterwand, Tischtennisplatte, Kicker-Kasten, große grüne Fläche außerhalb, Fernsehecke, Küche etc., dazu war die Aussicht auf die Berge gigantisch und das Backpackers an sich war auch ein Augenschmaus. Alles war bunt und ausgeflippt gestaltet und überall konnte man besondere Details entdecken.
Wir kamen am Vormittag an und hatten eigentlich vor sobald wie möglich zu den Thukela-river-falls aufzubrechen, den zweithöchsten Wasserfällen der Welt, die sich dort befinden. Allerdings war es dann doch schon etwas spät, weil der Aufstieg mehrere Stunden gedauert hätte. Nachdem wir uns informiert hatten, was an diesem Tag noch schaffbar war, entschieden wir uns, zu den Sunday-Falls zu wandern. Dort angekommen, genossen wir die Aussicht auf die gigantische Bergformation, das Rauschen des Wasserfalls und plantschten am Wasserfall, der nicht höher als 20 Meter war.
Abends nutzten wir die Angebote des Amphitheater-Backpackers, vor allem aber die Bar. Zufälligerweise traf ich dort eine Klassekameradin, mit der ich früher in Pfarrkirchen aufs Gymnasium gegangen war. Ich hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen und dann trifft man sich am anderen Ende der Welt wieder. Die Welt ist wirklich klein. Wir genossen alle zusammen den Abend, unterhielten und tranken etwas zusammen, spielten Tischtennis, was zu späteren Zeiten immer lustiger wurde.
Am zweiten Tag in unserem B&B wurde früh auf gestanden. Ein mancher von uns wohl etwas verkatert. Heute wollten wir wirklich die Thukela-Falls in Angriff nehmen, leider wurde unser Vorhaben wieder nichts. Wir planten zum oberen Ende der Wasserfälle zu klettern, entschieden uns aber um, weil es zu wolkig war und wir wohl an der Spitze keine gute Aussicht gehabt hätten. So machten wir uns zum unteren Ende auf. Nach 3 Stunden Fußmarsch gaben wir allerdings auch dieses Vorhaben auf. Es fing an zu regnen, Nebel kam auf und entgegenkommende Wanderer berichteten uns, dass wir einen ziemlich tiefen Fluss durchqueren müssten und die Wasserfälle dank des Nebels nicht zu sehen wären. So ruhten wir uns aus und machten uns dann schon ein bisschen enttäuscht auf den Rückweg. Drei Stunden Fußmarsch und drei Stunden Autofahrt später hatte Pietermaritzburg uns wieder.
Am Sonntag hieß es eigentlich nur relaxen, bisschen durch die Stadt laufen und Franziska und Magdalena Rasta vorstellen. Unterwegs trafen wir eine Künstlerin, die zu Gospelmusik einen ziemlich erotischen Tanz vorführt. Wir schauten dem Spektakel etwas zu, allerdings war es etwas unangenehm, weil wiedermal die einzigen Weißen waren und uns jeder anstarrte. Die Künstlerin machte eine Pause und wandte sich uns zu und sagte uns wie viel ihre CD kosten würde. Danach sagte sie das ganze nochmal in Zulu. So gut hatte uns das Ganze dann doch nicht gefallen, dass wir eine CD haben wollten und wir wandten uns ab um zu gehen. Die Frau sagte auf Zulu etwas zu der Menschenmenge, worauf alle uns wirklich anstarrten und lachten. Scheinbar wurde ein Witz auf unsere Kosten gemacht, weil wir als weiße Reiche nicht bereit waren, ihre CD zu kaufen, was für uns ziemlich unangenehm war. Manchmal würde ich mit hier wünschen ich wäre nicht weiß, damit sich nicht jeder nach einem umdreht an Orten wo normalerweise kein Weißer hingeht. Das ist manchmal wirklich nervig.
Montag war Tag der Abreise für Annas Schwestern. Wir fuhren etwas früher nach Durban, damit die Mädels noch im Gateway, dem größten Shoppingcenter in der südlichen Hemisphäre, shoppen konnten. Ich bin weder ein Fan von Shoppingmalls, noch von Shoppen, und so suchte ich mir ein Café in dem ich in meinem Buch schmökerte und einen Eiskaffee nach dem anderen trank. Das Highlight des Tages war allerdings, als und am Flughafen eine Frau drei Flaschen des besten Weines Südafrikas schenkte, weil sie ihn nicht mit ins Flugzeug nehmen durfte.
Mein absolutes Highlight kam aber erst am nächsten Tag. Franzi und ich machten uns auf den Weg nach Coffee Bay, meinem Lieblings-Ort in der südlichen Hemisphäre (bis jetzt). Nach neun Stunden Fahrt (ich hatte mich bisschen verfahren und außerdem ziemlich viele Tramper mitgenommen) kamen wir im Paradise an und mieteten uns im Dschungel-Campingplatz am Meer ein. Ich freute mich über alle Maßen, wieder dort zu sein. Genoss die Seeluft, die Urwaldgeräusche und vor allem freute ich mich, alle netten Menschen wiederzutreffen, darunter Tobi unser Surflehrer, der es awesome fand, mich wiederzutreffen, und Mikel, unser Trommellehrer, der an einem Abend ein Trommelkonzert lieferte, das man bis zu unserem Campingplatz hörte, der doch ein gutes Stück entfernt liegt. Die vier Tage hieß es hauptsächlich am Strand relaxen, surfen und abends mit netten Leuten am Feuer sitzen und die lockere Atmosphäre genießen. Es tat mir Leid mein Paradise am vierten Tag wieder verlassen zu müssen, aber schließlich musste Franzi am Samstag zum Flugzeug.
Zusammenfassend kann ich über den Urlaub sagen, dass ich froh war endlich wieder etwas zu unternehmen, dass ich froh bin, mich gut mit Franziska und Magdalena verstanden zu haben, und dass ich froh bin, dass mich Franzis Anwesenheit nicht zu stark an Zuhause erinnert hat. Die Befürchtung, dass man sich entfremdet, wenn man sich einige Zeit nicht sieht, traf auch nicht ein. Als wir sie am Anfang abholten, war es, als hätten wir uns 1 Woche nicht gesehen anstatt 6 Monate und so bin ich zuversichtlich, dass es mir mit meinen anderen Freunden und meiner Familie genauso gehen wird.
Nach drei Wochen voller Bude war ich dann aber doch wieder froh, meine Ruhe zu haben und nicht dafür sorgen zu müssen, dass sich jeder rund um die Uhr wohl fühlt und beschäftigt wird. Aber auf jeden Fall möchte ich euch für die schöne Zeit danken.
Jeden Donnerstag bekommen wir das Orga-Auto, um zum Einkaufen zu fahren (eigentlich völlig sinnlos, der nächste Supermarkt ist 10 Minuten zu Fuß entfernt). Das Auto ist ein VW Golf „Chico“ in rot, an dem mehr kaputt ist als funktioniert. Gemeinsame Stunden, gemeinsame Momente, das Auto fremdstarten, anschieben, Batterie wechseln oder abschleppen, all diese Momente haben mir das Auto sympathisch gemacht. Es ist ein Auto mit eigenem Charakter, den man akzeptieren muss. Es war also wieder einmal Donnerstag. Wir versprachen Nonto, unserer Putzfrau, ihren Sohn von der Schule abzuholen und vergaßen es. Nach der Arbeit, sprich um halb fünf, brausten wir also Highspeed durch die Stadt, um ihn doch noch nach Hause zu fahren. Wieder bei Nonto angelangt hatte ich das Verlangen, das Gerücht, das um unseren Chico kursiert, zu testen. Angeblich läuft sein Tacho rückwärts, wenn man rückwärtsfährt. Also düsten wir – wieder mal Highspeed, versteht sich – rückwärts die Straße runter in Richtung Supermarkt. Wir fuhren an einer älteren Frau vorbei, die uns auf dem Hinweg schon aufgefallen war. Lea verstand, als wir an ihr vorbeifuhren, die Worte: „Can you give me a lift? – Könnt ihr mich mitnehmen?“ Kurz überlegt fuhren wir vorwärts wieder zurück und fragten, wo sie denn hinwolle. Gogo war völlig aufgelöst, den Tränen nahe, erzählte uns, dass sie nicht wüsste, wie sie heimkommen soll, sie hätte kein Geld für den Taxibus, redete von einem Unfall, Krankenhaus, hatte scheinbar Schmerzen und erzählte uns die Geschichte von ihrer Tochter, die von ihrem Ehemann ermordet wurde und sie jetzt auf deren neun Kinder aufpassen müsse, sie kein Geld für sie hat und selbst bereits seit zwei Tagen nichts mehr gegessen habe. Die in Tränen aufgelöste Frau tat mir in dem Moment so leid, dass ich sie wohl überall hingefahren hätte, selbst wenn sie nach Kapstadt gewollt hätte. Musste sie aber nicht, wir boten ihr an, sie zur Taxirank zu fahren und ihr Geld fürs Taxi zu geben. Sich immer und immer wieder bedankend und scheinbar überglücklich, zwängte sich die Frau auf die Rücksitzbank des Golfs und wir setzten unser Angebot in die Tat um. Abends erzählte ich Rastah die Story, die er für sehr unglaubwürdig hielt. Er sagte, dass es in Südafrika viele „Künstler“ gebe, die einem jegliches Leid nur vorspielen ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich kann nicht überprüfen, ob mir diese Frau die Wahrheit erzählt hat, ob ich ihr geholfen habe oder übers Ohr gehauen wurde. Letztendlich interessiert mich das auch nicht, weil ich mir einerseits denke: wie verzweifelt muss man erst sein, um jemandem so etwas vorzuspielen? Andererseits denke ich, dass es das wert ist, hundert Mal übers Ohr gehauen zu werden, solange auch nur eine einzige Person dabei ist, der man damit hilft. Darum gebe ich, wenn ich danach gefragt werde oder jemand offensichtlich Hilfe braucht und vertraue auf die Ehrlichkeit der Menschen, so naiv das auch klingen mag.
Arbeitsalltag der schwarzen Bevölkerung:
Die Frauen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, stehen oft sehr früh auf (Rastahs Mutter zum Beispiel: sie steht dann auf, wenn der Hahn kräht – um 4 Uhr). Was sie in den frühen Morgenstunden alles machen, weiß ich nicht genau. Vermutlich schon das Essen für die ganze Familie, die oft bis zu 10 Personen umfasst, zubereiten. Das alltägliche Essen hier ist Uphut. Auch Gemüse gibt es oft, Fleisch, das hier jeder sehr gerne und so oft wie möglich isst, dagegen eher selten, vor allem zu feierlichen Anlässen. Das kochen dauert deshalb so lange, weil die Frauen alles selbst machen (wie zum Beispiel den Mais vom Kolben lösen, wie wir es auf dem Roadtrip gesehen haben). Wenn mehrere Frauen zusammenarbeiten, unterhalten sie sich währenddessen, klar. Das verlangsamt den ganzen Arbeitsprozess um mindestens 50%, african slow motion^^. Den restlichen Tag verbringen sie damit, das Haus sauber zu halten (eigentlich wollte ich schreiben „Haus und Hof sauber halten, doch das stimmt nicht; ihren Hof benutzen viele einfach als kleine Müllhalde, da das System der Müllabfuhr in den Townships natürlich nur schlecht funktioniert). Außerdem waschen sie die Kleidung der kompletten Familie mit der Hand. Ich weiß nicht, wie oft die Frauen sich hier waschen, doch jedenfalls gehört waschen natürlich auch zum Tagesablauf. Das Waschen in der Waschschüssel ist hier deshalb besser umzusetzen als für „uns Weiße“, da die Schwarzen ihre Haare, die oft unecht sind, nicht mitwaschen. Die Haare werden jeden Abend vor dem Schlafengehen in ein feuchtes Tuch eingewickelt, damit sie länger halten und etwa alle drei Tage mit einem bestimmten Spray eingesprüht, das die Haare glänzen lässt (normale Haare werden davon widerlich fettig). Die Kinder werden nur zur Schule oder zum „Kindergarten“ begleitet (falls sie dort hingehen), wenn sie zu klein sind, um selbst zu gehen, meistens gehen sie aber selbstständig in kleinen Gruppen.
Natürlich gibts auch Frauen, die arbeiten, nicht dass sich das jetzt so anhört, als ob keine einzige Frau arbeiten würde. Diese Frauen machen sich morgens mit dem Taxibus auf den Weg in die Stadt. Was ganz lustig ist, ist, dass jeder, der im Township lebt, immer saubere Schuhe hat. Klebt nämlich die typisch südafrikanische rote Erde an den Schuhen, wird man komisch angeschaut und als „Armer“ aus dem Township abgestempelt. Die Frauen, die in der Stadt arbeiten, sitzen oft am Straßenrand und verkaufen kleine Dinge wie Chips (die gibt es hier in Minipackungen), einzelne Zigaretten, Lollis, Obst oder Pommes, die sie selbst aus mitgebrachten Kartoffeln herstellen und frittieren. Diese Stände findet man an jeder Straßenecke und auch wenn die Frauen damit nicht viel verdienen, finde ich es bewundernswert, dass sie jeden Morgen aufstehen, sich zurechtmachen und in die Stadt fahren. Oft haben die Verkäuferinnen auch ihre kleinen Kinder dabei. Begegnet man schwarzen Frauen, die unterwegs sind und ihr Baby dabeihaben, sieht man immer dasselbe Bild: die Frauen tragen die Babys auf dem Rücken, festgebunden mit einem Handtuch, das vor der Brust zusammengeknotet wird. Ein weiterer Job der schwarzen Frauen ist es, bei den Weißen zu putzen. So traurig sich das auch anhört und so blöd das Bild des reichen Weißen, der zu faul ist oder sich für zu gut hält, um selbst zu putzen, in euren Augen auch aussieht – immerhin haben die Frauen dann wenigstens einen kleinen Job und die Möglichkeit, sich ein bisschen Geld zu verdienen. Im Supermarkt sieht man viele schwarze Kassiererinnen und Frauen, die dir deinen Einkauf in Plastiktüten verpacken.
Die Männer, die in der Stadt arbeiten, arbeiten oft als CD- und DVD-Verkäufer oder Parkplatzwächter. Die Männer, die keine feste Arbeit haben, warten jeden Tag an bestimmten Punkten in der Stadt darauf, von irgendjemandem Arbeit angeboten zu bekommen. Hätte ich beispielsweise eine einfache Arbeit in meinem Haus zu verrichten, zum Beispiel Wände streichen, könnte ich dort hinfahren und so viele Arbeiter mitnehmen, wie ich bräuchte.
Andere Jobs, die fast ausschließlich von Schwarzen erledigt werden, sind Tankwarte (hier muss man zum Tanken nicht mal aus seinem Auto aussteigen), Zeitungsverkäufer, Gärtner (jeder Weiße hier hat anscheinend seinen eigenen Gärtner) und Hausmeister oder einfach „Mann für alles“.
Natürlich gibt es auch Schwarze, die andere Jobs haben – Erwachsene, die selbst die Schule besucht und einen guten Abschluss gemacht haben und die bei der Jobsuche mit viel Glück einen der begehrten Arbeitsplätze ergattert haben, arbeiten zum Beispiel häufig als Lehrer oder in Büros.
Leider ist genau das ein großes Problem: es gibt zu viele Menschen für zu wenige Arbeitsplätze. Viele Menschen haben natürlich Schulabschlüsse und sind qualifiziert für hochwertige Jobs, sie sind einzig und allein wegen der Tatsache, dass es hier an Arbeitsplätzen mangelt, keinen Job. So müssen sie versuchen, sich mit den oben genannten Jobs durchzuschlagen, obwohl sie viel mehr könnten.
Schon oft ist mir aufgefallen, dass es hier richtig krasse Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gibt. Wo in Deutschland nicht mal eine Person arbeitet (zum Beispiel die Parkplatzwächter, die auf dein Auto aufpassen, deinen Einkaufswagen zum Auto schieben und deine Einkäufe ins Auto packen), arbeiten hier viel zu viele, sodass die meisten Angestellten einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit Rumstehen verbringen. Was mich anfangs auch sehr schockiert hat, waren die Männer, die mit Pickeln die Straße aufgehackt haben – anstatt eine Maschine zu benutzen, die vieles erleichtern würde, werden viele Menschen mit harter körperlicher Arbeit beschäftigt.
Die Einfachheit der Arbeitsstellen der Schwarzen liegt definitiv nicht an Bildungsmangel, vielmehr an fehlenden Arbeitsplätzen und so sind die Menschen gezwungen, Jobs anzunehmen, die „unter ihrem Niveau“ liegen, um überhaupt irgendetwas zu verdienen.
Die Geschichte, wie aus einem 1-Tages-Trip ein 2-Tages-Trip und aus 100 Rand 120 wurden
Langeweile und die Befürchtung, wir könnten wieder mal unser ganzes Wochenende gammelnd in der Wohnung verbringen, ließ Anna und mich wieder mal auf Erkundungstour gehen. Unser Plan war, morgens nach Durban zu trampen, uns die Stadt ein wenig anzuschauen und abends wieder nach PMB zurückzutrampen. Anna nahm R. 500,- mit und ich hatte R. 100,- in der Tasche, unser Proviant: zwei Äpfel. Wir kamen nicht aus PMB raus, als wir schon um unsere Äpfel und ein wenig Kleingeld erleichtert wurden, das wir einem Bettlerkind schenkten. An der Autobahnauffahrt an der Midlands-Shoppingmall wurden wir ziemlich schnell mitgenommen. Ein Paar aus Joburg hielt, vermutlich nur, um ihre Flaschen in den Kofferraum zu werfen, nahmen uns aber doch mit. Die Fahrt verlief ereignislos, wir hielten nur den üblichen Smalltalk und hörten ansonsten Radio. Als sie uns im Zentrum Durbans absetzten, fiel Anna auf, dass sie ihren Geldbeutel verloren hatte. Das trübte ein wenig unsere Stimmung, aber zum Glück war im Geldbeutel nur Geld und keine wichtigen Karten oder Dokumente. Wir schlenderten ziellos durch die Stadt, beobachteten einen Männer-Gospelchor, der tanzend und singend die Menschen begeisterte und landeten ein wenig abseits vom regen Treiben der Stadt in einem Supermarkt, wo wir uns mit Rusks, Schoki und Fanta eindeckten, um meinen Zuckerhaushalt wieder in Ordnung zu bringen. Im Park, an den Rusks knabbernd, kam auch schon der erste Bettler, der vor uns auf die Knie sank und uns um Essen bat. Ich bot ihm Rusks (wie Zwieback) an, die er aber ablehnte, weil ihm schon so ziemlich alle Zähne aus dem Mund gefault waren. Weil ich nur noch einen 50-Rand-Schein hatte, den ich ihm nicht komplett überlassen wollte, bot ich ihm an, mit ihm zu Spar zu gehen und ihm Essen zu kaufen. Er sagte, er hätte gerne Butterroll und Coke, weil er das so gerne isst. Das erklärt dann auch seine verfaulten Zähne. Als ich ihm erklärte, das sei nicht gut für die Zähne, sagte er nur er hätte ja gar keine mehr. Butterroll, ein ziemlich klebriges Gebäck, war leider aus und so gab es für ihn Brot und Coke. Ich empfand ihn als sehr anständigen und netten, wenn auch etwas verwahrlosten Menschen und freute mich, dass ich ihm helfen konnte. Anschließend schlenderten wir weiter durch die Stadt und kamen letztendlich an den Strand und bewunderten wieder mal die Waren, die uns an den Ständen angeboten wurden, unter anderem wieder mal sehr schöne handgemalte Bilder. Unser Budget war mittlerweile auf R. 30,- geschrumpft, wir kauften nicht ein, staunten nur und machten schließlich wieder einen Abstecher Richtung Innenstadt. Auf dem Weg begegneten wir wieder einem Bettler. Diesem fehlte ein Arm und ein Fuß. Ich gab ihm zuerst 10 Rand. Er sagte uns, wenn wir ihm noch 5 Rand mehr geben würden, könne er seinen Kindern was zu essen kaufen und mit dem Taxibus nach Hause fahren. Ich nahm ihm den 10-Rand-Schein wieder ab und gab ihm den 20-Rand-Schein. Jetzt hatten wir noch 10 Rand, eine halbe Packung Rusks und eine halbe Flasche Fanta. Je weiter wir Richtung Stadtkern kamen, desto reger wurde das Treiben. Ich genoss es, durch das Treiben zu laufen, die verschiedenen Leute zu beobachten, die Händler, Passanten, Bettler und mittendrin die einzigen Weißen, Anna und ich. Zu diesem Treiben gehören natürlich auch die tausenden Gerüche, teilweise nach Essen, das auch auf der Straße zubereitet wird und andererseits wieder eher nach Verwesung, nicht zu vergessen die Musik und das Getöse der Autos und Busse. Wir schlenderten durch den Victoria Market, wo man wieder allerlei Andenken und Touri-Ramsch kaufen konnte und wollten uns dann wieder in Richtung Autobahn aufmachen. Auf dem Weg verschenkte ich meine Fanta an einen durstigen jungen Mann und ein Stück weiter an einem Supermarkt, in dem wir die letzten 10 Rand für Wasser ausgaben, unsere Rusks. Wir versuchten, an verschiedenen Stellen an der Autobahn mitgenommen zu werden, blieben aber erfolglos. Irgendwann hielten dann doch zwei junge Burschen, Sportstudenten, Surferboys und Weiberhelden. Sie waren wirklich nett, nahmen uns ca. 10km bis zu einer Bar mit und spendierten uns Kaffee. Sie hatten uns leider ein Stück von der Autobahn weggefahren, zum Glück aber boten sie uns ihre Hilfe an, als wir ihnen unsere Story erzählten. Sie riefen für uns ein Taxi und schenkten uns R. 350,-. Wo erlebt man heutzutage schon mal, von fremden Menschen ohne mit der Wimper zu zucken, so viel Geld in den Rachen geworfen zu bekommen? Ziemlich amüsiert über das Glück und die nette neue Bekanntschaft warteten wir auf das Taxi, das, typisch für Südafrika, 20 min. zu spät kam. Ein Taxi bis nach PMB hätte R. 750,- gekostet, was für die Jungs dann doch ein bisschen zu viel war und so fuhren wir nur bis nach Hillcrest, einem laut ihren Aussagen sichererem Ort, wo wir vielleicht einen billigen Taxibus erwischen könnten. Es war mittlerweile dunkel und kalt geworden. Es regnete immer stärker, aber zum Glück saßen wir immer noch im Taxi. In Hillcrest erfuhren wir dann, dass um die Uhrzeit keine Busse mehr fahren und so hieß es also wieder per Anhalter weiterzureisen. Aber hey, das Taxi kostete nur R. 210,- und so stieg unser Budget wieder auf R. 140,-. Nach kurzer Zeit waren wir ziemlich durchnässt und halb erfroren, ich war nur in kurzer Hose, T-Shirt und wie immer barfuß unterwegs. Wir riefen Lea an und sagten ihr, sie solle uns doch bitte abholen. Das einzige Problem war nur, dass unser Chico keine Lust hatte. Wir liefen zur nächsten Tanke und wärmten uns mit einem Becher heiße Kaffee auf. Zum Glück hörte es wieder auf zu regnen und wir stellten uns wieder an unsere Tramp-Bucht. Wieder einmal machten wir nette Bekanntschaften, als zwei junge Typen auf einem Motorrad hielten. Wir unterhielten uns gut, rauchten zusammen eine Zigarette und dampften wieder ab mit dem ausdrücklichen Bedauern, uns nicht mehr helfen zu können. Wir planten, zu McDonalds zu gehen, der 2km entfernt war und 24 Stunden geöffnet hatte, falls uns bis 23 Uhr keiner mitgenommen haben sollte. Ein Typ nahm uns doch noch ein Stück mit, bis zu einer Tanke, wo wir nach seinen Angaben leicht wegkommen sollten. Er fuhr wie ein Irrer, ca. 170km/h bei Nebel, Dunkelheit und nassen Straßen und ich musste ihn bitten, langsamer zu fahren. Die Tankstelle entpuppte sich als totaler Reinfall. Sie lag etwas abseits der Autobahn, es gab weit und breit nichts, wo wir uns aufhalten und aufwärmen hätten können und wir hatten keine Ahnung, wo wir uns zu diesem Zeitpunkt befanden. Noch dazu bekamen wir nach kurzer Zeit Gesellschaft von einem ziemlich gruseligen Opa. Er war betrunken, sah völlig assi aus und sprach auf Deutsch genauso viel wirres Zeug wie auf Englisch und wollte unbedingt, dass wir mit ihm mitkommen. Er schenkte uns ein Eis – was für ein billiger Trick – das ich wieder zurückgab, weil mich fror wie die Pest [Dialog Merlin – Assi: A:“Kommt mit zu mir nach Hause, dort können wir zusammen Suppe essen und Wein trinken, ihr könnt bei mir übernachten!“ M:“Nein, geh weg.“ A:“Aber wer holt euch ab, ich kann euch hier nicht alleine lassen!“ M:“Doch, kannst du. Geh!“ A:“Kommt mit zu mir nach Hause, dort können wir zusammen Suppe essen und Wein trinken, ihr könnt bei mir übernachten!“ M:“Nein, geh weg.“ A:“Aber wer holt euch ab, ich kann euch hier nicht alleine lassen!“ M:“Lass uns in Ruhe, das geht dich nichts an, wir kommen schon nach Hause!“ A:“Aber kommt mit zu mir nach Hause, dort können wir zusammen Suppe essen und Wein trinken, ihr könnt bei mir übernachten!“ M:“Nein, wir werden nicht mitkommen, wir bleiben hier.“ A:“Aber wer holt euch ab, ich kann euch hier nicht alleine lassen!“ M:“DOCH KANNST DU. GEH JETZT!“]. Nachdem ich ihn so oft gebeten hatte, zu gehen, dampfte er ab und wir waren froh, dieses Ekelpaket los zu sein. Wir gesellten uns wieder zu den Tankstellenwärtern und warteten auf Autos, die uns eventuell mitnehmen könnten, die aber fast ausnahmslos nach Durban zu fahren schienen. Die Kassiererin der Tankstelle sah, wie ich fror, gab mir einen Pulli der Firma und spendierte uns beiden noch dazu heißen Kaffee. Es verging vielleicht eine halbe Stunde, bis unser Grusel-Opa wieder auftauchte und uns weiter belästigte. Er wollte unbedingt, dass wir mit auf seine Farm kommen und wiederholte weiterhin, er würde Suppe für uns kochen, wir könnten Wein trinken und dort pennen. Die Angebote wären verlockend gewesen, wären sie nicht von diesem Ekel gekommen. Ich erklärte ihm, wir würden auf keinen Fall mit zu ihm kommen und bei der Tankstelle bleiben. Ich forderte ihn dazu auf – ja, mittlerweile forderte ich – zu gehen, was er irgendwann auch murrend machte, nicht ohne vorher zu versprechen, wieder zurückzukommen um nach uns zu sehen. Darauf hatten wir beide keinen Bock mehr und auch die Tankstellenwärter merkten, dass uns dieser Opa nicht geheuer war. War ja schließlich nicht zu übersehen. Sie boten uns also an, in ihrem Umkleideraum zu übernachten, was wir dankend annahmen, einerseits um dem Farmer zu entgehen und andererseits, um etwas Schlaf zu erwischen, bevor es am nächsten Morgen wieder auf den Freeway gehen würde. Im Changing Room hatten wir ca. 1,5m² Platz, es stank nach Schweiß, Schuhen, Klo (das sich genau wie die Dusche mitten im Raum befand) und Gammeldusche. Wir legten den Boden mit Kartons aus und machten es uns dort „gemütlich“. Es war vielleicht nicht das beste Nachquartier, wohl eher das Schlechteste, aber es war dort sicher und warm und das war in dem Moment die Hauptsache. Wir schliefen mehr schlecht als recht und um halb sechs stand ein Tankwart in unserem Schlafgemach und meinte, dass wir jetzt gehen müssten, weil ihre Schicht zu Ende sei. Also aufgerafft und wieder zum Freeway gestakst. Wahrscheinlich weil es hell war, wurden wir innerhalb von 10 Minuten mitgenommen. Wir fuhren mit drei Typen mit, die scheinbar eine Downhill-Bike-Tour geplant hatten, deren Lieblingswörter „Fuck“ und „fuckin´“ waren und so in jedem Satz 5 Mal vorkamen, aber sie waren nett, nahmen uns mit bis zu unserem Startpunkt, die Midlands Mall, und spendierten uns obendrauf noch einen Muffin und Kaffee.
Wenn ich jetzt so an die Reise zurück denke und auch zum Zeitpunkt unseres Abenteuers empfand, bzw. empfinde ich sie auf keinen Fall als unangenehm, sondern nur lehrreich und aufregend. Jeder Weiße, dem wir begegnet sind, riet uns, auf keinen Fall mit Schwarzen mitzufahren, weil das zu gefährlich sei. Letztendlich war es aber so, dass ein Weißer uns gefährlich geworden ist und Schwarze uns geholfen haben. Das zeigte mir, dass man sich auf solche Aussagen nicht verlassen kann und bestätigte mich in meiner Einstellung, dass so etwas nichts mit Hautfarbe zu tun hat. Es gibt überall gute, ehrliche und hilfsbereite Menschen, genauso wie es überall schlechte, aufdringliche, egoistische und eklige Menschen gibt, völlig unabhängig vom Aussehen, Geschlecht und Aussehen. Es zeigt mir, dass egal was andere behaupten, man Allen immer ohne Vorurteile gegenüber treten sollte.
Ansonsten heißt es immer noch alte Weihnachts-Sonderspenden nachholen, denn wir haben längst nicht alle vor Weihnachten geschafft, Scrapbooks kleben (inzwischen hassen wir basteln, malen und kleben^^), Fotos drucken, Colt einräumen, Colt ausräumen und und und…
Mit dem Filmprojekt, das Merlin und ich zusammen machen, gehts jetzt dann so richtig los – Material haben wir schon, jetzt gehts dann ans Storyboard, das Zurechtschneiden der einzelnen Szenen und die Tonverarbeitung – es gibt also viel zu tun in nächster Zeit!
Machts gut und bis bald,
Anna & Merlin
(aka Noktula & Thulani; lustige Geschichte: unser Gärtner hat uns Zulu-Namen gegeben, die zu uns passen – Noktula und Thulani sind Namen für ruhige und stille Menschen)
Donnerstag, 27.12.2012 (Tag 12)
Nach einer für mich unruhigen Nacht mit wenig Schlaf (Merlin hat trotz des starken Windes, der um unser Zelt heulte, natürlich geschlafen wie ein Stein) kletterten wir auf ein Bushäuschen und genossen bei unserem Frühstück den Blick aufs 20m entfernte Meer. Den ganzen Vormittag über telefonierten wir mit unterschiedlichen Leuten und fuhren durch die Vororte Cape Towns, um eine bezahlbare Unterkunft für die nächsten Nächte zu finden. Schließlich wurden wir zum Glück doch noch fündig und mit R 250,- pro Nacht für uns alle kamen wir für Großstadtverhältnisse superbillig weg. Den Nachmittag verbrachten wir in Kapstadt, wo wir viele kleine Läden durchstöberten, über Märkte spazierten und aufdringliche Verkäufer abzuwimmeln versuchten. Merlin kaufte sich an einem der unzähligen Stände eine Hose, worüber er sich jedes Mal freut, wenn er sie anzieht 🙂
Danach tranken wir noch gemütlich Cappuccino und Eiskaffee, freuten uns über die kostenlose Vorspeise (ein echtes, italienisches Restaurant in Kapstadt!) und aßen eine Kleinigkeit, Bruschetta und Gnocchi mit Käßesauce. Abends auf dem Campingplatz kochte Merlin uns noch leckeren Gemüseeintopf, worüber wir uns sehr freuten, denn langsam haben wir alle genug vom Toastbrot, das wir 24/7 essen. Bei einem Spaziergang im dunklen Dorf ist mir dann noch was richtig Cooles passiert: ich gehe gemütlich im Dunkeln und plötzlich stehen zwei große, raschelnde Viecher vor mir. Zuerst bin ich erschrocken und stehengeblieben, bis das erste Tier weggelaufen ist und ich gesehen habe, womit ich es zu tun hatte: vor mir hatte ich zwei waschechte Stachelschweine! Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Das machte dann auch den Spaziergang über den widerlichen Strand wett (Fisch- und Plumpsklogeruch, Geruch nach verfaulten Eiern, eklige kleine Tiere am Boden die mir gegens Bein und in die Schuhe gesprungen sind). Aber die Stachelschweine hey, ich hab mich den restlichen Abend lang gefreut!
Freitag, 28.12.2012 (Tag 13)
Dank unserer Kochstelle gab es morgens zur Abwechslung mal wieder Eier und heißen Kaffee zum Frühstück, bevor wir unsere Cape Town – Erkundungstour fortsetzten. An diesem Tag nahmen wir uns zum Ziel, den Tafelberg zu erklimmen. Man kann einen Teil des Berges mit dem Auto hochfahren, weil aber die Autos bis zur Stadt im Stau standen, stellten wir unser Gefährt unten ab und latschten auch den ersten Teil. Dann kam der felsige Teil, der Teil mit den tausenden von Stufen, der Teil, der richtig anstrengend ist. Anna und ich hängten, als mehr oder weniger erfahrene Bergsteiger, Isabell ziemlich schnell ab und stürmten Richtung Gipfel. Wir hatten auf unserer Tour nach oben mehrere Highlights. Mein erstes Highlight war, dass ich meine erste Schlange (freilebend) in Südafrika gesehen habe. Angeblich sollte es hier jede Menge davon geben und jeder von uns wunderte sich, noch keine zu Gesicht bekommen zu haben. Sie war leider so schnell weg, dass ich sie nicht genau unter die Lupe nehmen konnte und so erkannte ich nur, dass sie nicht allzu groß und tiefschwarz war. Glücklich über meinen Schlangenfund kletterten wir weiter und begegneten zufällig Ignaz und Thomas, unsere vollbärtigen Volunteerbekanntschaften aus PMB. Es wundert mich doch immer wieder, wie klein die Welt ist. Wir verabschiedeten uns nach einem kurzen Smalltalk und dem Versprechen, mal zusammen Kapstadt unsicher zu machen. Kurz vor dem Gipfel konnte man dann richtig schön das Wolkenspektakel bewundern. Sie wurden auf der einen Seite über den Gipfel gezogen und stürzten auf der anderen Seite wieder Richtung Tal. Von unten sah es so aus, als würde sich der Berg bewegen, es sah auf jeden Fall toller aus, als ich es gerade beschreiben kann. So toll es auch aussieht, es fühlt sich nicht toll an. Wenn man Wolken sieht, denkt man oft an Watte und möchte sich am liebsten reinlegen, vergisst aber, was sie eigentlich sind: unendlich viele, kalte Wasserpartikel. Wir froren ziemlich am Gipfel und zogen uns schnell in die warmen Souvenirshops und Restaurants zurück, bevor wir uns wieder an den Abstieg machten. Den Berg runterzulaufen dauert natürlich nur halb so lang wie bergauf, ist dafür aber auch doppelt so anstrengend für die Knie. Faul wie wir sind, versuchten wir, bis zu unserem Auto zu Trampen und wurden von zwei haarigen, halbnackten Männern aus der französischen Schweiz mitgenommen. Weil wir aber bergab genauso wieder im Stau standen wie bergauf, stiegen wir schnell wieder aus und rannten den Rest bis zu unserem Auto. Back am Campingplatz wurde natürlich wieder gekocht, um dem langweiligen Toastalltag zu entfliehen. Es gab Nudeln mit Fertigtomatensauce mit anschließendem Nachtspaziergang durchs Dorf.
Samstag, 29.12.2012 (Tag 14)
Als wir morgens aus dem Zelt krochen, war Isabell netterweise schon dabei, unser Frühstück vorzubereiten. Sie hatte bereits Feuer gemacht, sodass wir nur noch Eier in die Pfanne hauen und danach einen Topf mit Wasser für unseren geliebten Kaffee aufs Feuer stellen mussten. Während Merlin seine Dusche „genoss“ (seinen Aussagen zufolge müssen die Männerwaschräume wirklich widerlich gewesen sein), richteten wir noch das restliche Essen, Geschirr und unsere superbequemen Sitzgelegenheiten (Plastiktüten) her. Nach dem leckeren Frühstück starteten wir los zum Kap der guten Hoffnung, wo wir die fantastische Aussicht bewunderten, uns die Haare vom Wind zerzausen ließen (der dort so stark war, dass wir uns wirklich dagegen lehnen konnten), viele Fotos machten, evil wie wir sind, großen Spaß daran hatten, einen verbotenen Weg zu nehmen und zum Leuchtturm hinaufspazierten. Um auch noch mehr von Cape Town zu sehen, fuhren wir am Nachmittag nach Kirstenbosch, wo angeblich sehr schöne Pflanzen in einem großen Park sein sollten – Pflanzen waren schon da, allerdings nur langweilige und die Bewohner Kapstadts zahlen anscheinend gerne mal Eintritt, um einen Nachmittag mit Picknick im Grünen verbringen zu können. Leider hat Merlin dort sein Messer verloren – seitdem der Besitzer des B&Bs es für ihn geschärft hatte, konnte man damit sogar etwas schneiden, außerdem hingen für ihn trotz der kurzen Zeit, die er es besaß, schon viele Erinnerungen daran. Schade. Am Strand in Table View sahen wir uns noch den Sonnenuntergang an (den Tafelberg an sich konnten wir leider fast nicht sehen, da er von Wolken eingehüllt war, was wir allerdings sehen konnten, waren die Umrisse, die aus dieser Perspektive doch erstaunlicherweise wie der Tafelberg Cape Town’s, den wir alle kennen, aussah) und machten Balancierwettbewerbe (ja, Merlin hat als Katze klare Vorteile und mehr Balancierskills). Da uns die anderen Volunteers aus PMB am Tag zuvor eingeladen hatten, mit ihnen was Trinken zu gehen, fuhren wir noch ins Szeneviertel Kapstadts, die Longstreet, in der es massig Bars, Clubs, Restaurants und feiernde Menschen gibt. In der „Space Bar“ hatten wir viel Spaß mit einem lustigen Typen namens Craig, über den wir vor einigen Monaten die anderen Volunteers kennengelernt hatten. Merlin und ich haben sauber abgedanct und waren der Mittelpunkt der Tanzfläche, wo die Leute dann zum Glück auch mal mehr gemacht haben, als von einem Fuß zum anderen zu hüpfen und mit dem Arsch zu wackeln. Leider mussten wir uns schon früh wieder verabschieden, da wir am nächsten Tag eine lange Fahrt vor uns hatten. Schnell haben wir in einem kleinen Shop noch den unserem Parkplatzwächter versprochenen Kaffee gekauft, genauso wie zwei Muffins für einen Armen vor dem Geschäft. In jeder Hand einen Muffin, hielt ich sie ihm hin mit den Worten „for you“, und was macht er? Er küsst die Muffins. Da sind Merlin und ich schon ein bisschen weggebrochen – küsst er einfach die Muffins! Zurück auf dem Campingplatz hüpften wir noch schnell unter die Dusche, stellten uns noch unsere Wecker und schliefen dann gemütlich in unserem Zelt ein.
Sonntag, 30.12.2012 (Tag 15)
Eine lange Fahrt stand bevor. Wir hatten uns überlegt, welchen Weg wir am besten zurücknehmen sollten. Zur Auswahl stand einmal die Route durchs Landesinnere und letztendlich durch Lesotho, eine Strecke, auf der man alle paar hundert Kilometer durch eine Stadt kommt und dazwischen gähnende Leere herrscht, oder die Route, die wir auch gekommen waren, vorbei am paradiesischen Coffee Bay, wo es uns bis jetzt am besten gefallen hatte. Die Entscheidung fiel uns nicht schwer, es ging wieder nach Coffee Bay. Weil wir auf dem Hinweg schon ziemlich viel gesehen hatten und wir Silvester in unserem Paradies verbringen wollten, nahmen wir uns vor, den Weg bis dorthin so schnell wie möglich zu schaffen, unser erstes Ziel war P.E. Also wurde morgens nicht lange gefackelt, kurz unspektakulär gefrühstückt, Sachen gepackt, rein ins Auto und ab auf die Autobahn. Isabell übernahm als erste das Steuer und ich haute mich erst mal wieder aufs Ohr. Es wurde halb zwei, bis ich wieder aufwachte. Inzwischen hatte ich einen der anscheinend sehr großen Baboons und einen noch größeren Waldbrand verpasst. Anscheinend passieren solche Dinge immer nur dann, wenn ich wie ein Stein schlafe und nichts mitbekomme. Immerhin war ich jetzt fit und übernahm das Steuer. Ich fuhr und fuhr, vorbei am hässlichen Mosselbai, über die unglaubliche Bloukransbridge, vorbei an P.E., unserem Tagesziel, und landete auf einer Straße, die in eine komplett andere Richtung führte als die, in die wir mussten. Keiner von uns kann sich erinnern, eine Abzweigung an der Autobahn gefahren zu sein, aber zum Glück bemerkten wir unseren Fail schnell, kehrten um und entdeckten eine „Abkürzung“, die uns wieder auf die Autobahn bringen sollte. Was anfangs noch wie eine gut befahrbare Straße aussah, entwickelte sich nach kürzester Zeit zum größten Trampelpfad der Region (ist aber als Straße in der Karte eingezeichnet). Mittlerweile war es dunkel geworden und wir sahen uns nach einem Schlafplatz um. Nach 10km holpriger Fahrt war ein B&B ausgeschildert, für das wir weitere 5km Umweg in Kauf nahmen, um dann festzustellen, dass das B&B derzeit unbewohnt war. Also den Weg wieder zurück und weiter auf unserer „Abkürzung“. Das Verkehrsschild, das uns 80km/h erlaubte, war mehr als überflüssig, weil es uns bei einer höheren Geschwindigkeit als 20km/h wohl beide Achsen rausgerissen hätte. So tuckerten wir mit 20km/h ohne Plan, ohne Schlafplatz und mit immer leerer werdendem Tank irgendwo durchs Nirgendwo. Später wiesen uns Schilder darauf hin, dass wir uns im Shamwari Game Reserve befanden. Wir sahen allerlei Tiere wie Katzen, Kühe, Pferde, ein Nagetier, das wie eine Mischung aus Wüstenspringmaus und zu klein geratenem Känguru aussah und zwei große Krabbeltiere, meiner Meinung nach eine Art Spinne, die aber immer schneller wieder weg waren als wir aus dem Auto springen konnten, um zu sehen, womit wir es wirklich zu tun hatten. Nach gefühlten zwei Stunden Pothole-Rallye erreichten wir dann tatsächlich wieder unsere Autobahn. Raus aus dem Game Reserve fuhren wir in eine gigantische Nebelwand, in der man kaum die Hand vor Augen sah und anschließend durchquerten wir die längste Baustelle zwischen Pietermaritzburg und Cape Town. Weitere Energydrinks ermöglichten, dass ich 10 Stunden hinterm Steuer saß, bevor wir an einem Rastplatz hielten und beschlossen, es uns im Auto so wenig ungemütlich wie möglich zu machen. Was für ein Tag, aber hey, es geht wieder nach Coffee Bay!
Montag, 31.12.2012 (Tag 16)
Nach der wohl ungemütlichsten Nacht auf unserer Reise erwachten wir viel zu früh im verregneten, nebligen Nirgendwo auf einem Rastplatz, ich glaube es war zwischen Grahamstown und King Williams Town. Nach einigen Stunden Fahrt und einem kurzen Abstecher in einen Supermarkt, wo wir uns einen Kaffee gönnten und uns mit Essen eindeckten sowie einer dank des Nebels noch spannenderen Pothole-Rallye auf dem Weg nach Coffee Bay erreichten wir unser Paradies gegen 16 Uhr. Natürlich fanden wir zunächst keinen Campingplatz, der noch irgendein freies Plätzchen für unser Zelt gehabt hätte, doch nach einigem Hin- und Herfahren und den Tipps anderer Campingplatzverwalter fanden wir doch noch etwas, wo wir unser grünes „Häuschen“ aufschlagen durften: die Nenga River Lodge, eine Campsite, bei der die Klospülung mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% funktioniert, bei dem man in der Dusche mit viel Glück kaltes bis lauwarmes Wasser (nicht so wie sonst, eiskaltes) genießen kann und der bei Regen aus mehr Matschpfützen und Wasserlöchern als Wiese besteht – perfekt für uns harte Kerle! Angekommen auf diesem wunderbaren Campingplatz wurden wir erst mal von unserem netten, betrunkenen, alten Zeltnachbarn vollgequatscht und umarmt („Give me a hug, no, please don’t think I’m disgusting, and you too, boy, oh no, I’m definitely not gay, but – please, give me a hug!“). Weil Silvester war, war das Dorf voller feiernder, junger Menschen, die den Abend und ihren Urlaub genieße wollten. Merlin und ich verbrachten den Abend bei Jah Drums, wo sogar einige Musiker, darunter auch ein Didgeridoospieler, live spielten. Um Mitternacht gab es den wohl überall auf der Welt üblichen 10-Sekunden-Countdown, ein bisschen Jubel und Freude über das neue Jahr und dann wurde einfach weitergefeiert wie bisher – Silvester wird hier, anders als in Deutschland, definitiv nicht an die große Glocke gehängt. Eigentlich ganz angenehm (hat den Vorteil, dass man am Neujahrsmorgen auch nicht im Wachkomazustand den Raketenmüll liebenswerter Nachbarn von seinem Grundstück entfernen muss^^). Der Weg zurück war dann sehr lustig – für die Strecke, bei der man den Fluss nur an einer Stelle auf einem glitschigen und wackeligen Steindamm überqueren muss, braucht man 30 Minuten. Gut, dann eben der Weg mit zwei Flussüberquerungen. Dumm nur, dass das zweite eher eine „Buchtüberquerung“ ist und der Wasserstand dort deshalb von Ebbe und Flut abhängig ist (natürlich war bei uns so gut wie jedes Mal – wie könnte es auch anders sein? – Flut). Also was tun? Der geniale Plan, um halbwegs trocken zum Campingplatz zurückzukommen: Hosen aus und durch. Weil wir die darauffolgenden Tage meistens zu faul waren, den langen Weg zu gehen, wurde das Ganze zu einer (manchmal eher peinlichen) Gewohnheit.
Dienstag, 01.01.2013 (Tag 17)
Den ersten Tag des neuen Jahres ließen wir erst Mal gemütlich angehen und schliefen bis Mittag, was wir uns nach zwei Tagen Fahrt auch wirklich verdient hatten. Die Schwarzen allerdings feiern ihre Feste anscheinend immer etwas länger, so auch Silvester. Den ganzen Morgen hörten wir, wie immer mehr Menschen im Paradies ankamen. Aus allen umliegenden „Städten“ und Dörfern wurden busweise Menschen angekarrt, sie bauten ihre Zelte und Musikanlagen auf, badeten, unbeeindruckt vom verhältnismäßig schlechten Wetter, im Meer, berauschten sich und hatten Spaß. Als wir so gegen Mittag aus unserem Zelt krochen, befanden wir uns wohl mitten in der fettesten Party von Afrikas Ostküste. Beeindruckt von der riesigen, feiernden Menge, aber zu demotiviert um mitzufeiern gingen wir erst Mal ins Dorf und taten das, was wir am liebsten machen: wir tranken Kaffee und zwar im Kaleidoskope Kafe. Darin bestand eigentlich unsere ganze Tagesbeschäftigung. Die Leute kamen und gingen im Kaleidoskope, wir nicht, wir blieben und tranken über Stunden hinweg einen Kaffee nach dem anderen, bevor wir zur Campsite zurückgingen, noch kurz kochten und uns wieder schlafen legten. Was für ein Tag, nur schade, dass es immer noch keine Brownies gab.
Mittwoch, 02.01.2013 (Tag 18)
Voller Motivation starteten wir unseren Tag mit einem Gang ins Dorf, wo wir zuerst im Kaleidoskope Kafe frühstückten und uns dann Surfboards ausleihen wollten, um unsere Skills auf eigene Faust zu verbessern. Nachdem wir festgestellt hatten, dass unser Lieblingscafé geschlossen war, entschieden wir uns kurzerhand dafür, im Bomvu, einer Bar/einem Campingplatz/einem Restaurant auf der anderen Straßenseite, zu frühstücken. Dort aßen wir vom Buffet (Müsli mit Joghurt und Früchten, Toast und Kaffee bis zum Abwinken – schöner Tagesbeginn!). Irgendwann am späten Vormittag liehen wir uns dann die Surfboards aus und schleppten sie bis zum Strand, was sich bei gefühlter Windstärke 1000 durchaus als sehr schwierig gestaltete – und das trotz meiner männlichen Arme! Leider gab ich wegen den 10 Litern Meerwasser im Bauch und der Tatsache, das Board aufgrund mangelnder Skills ordentlich gegen den Kopf gedonnert bekommen zu haben, schon nach kurzer Zeit auf. Nicht so Merlin, der sich todesmutig in die Fluten stürzte, sich von seinem Board fast den Kiefer hätte brechen lassen und dessen Arm nun eine Narbe vom Kampf mit einem Hai ziert 😀
Ziemlich erschöpft brachten wir spätnachmittags die Boards zurück und relaxten erst mal bei einer Tasse (oder wahrscheinlich eher ein bisschen mehr) Kaffee.
Bei einem abendlichen Spaziergang genossen wir (mal wieder) einen gigantischen Sonnenuntergang und halb erfrierend wegen des starken Windes vom Meer freuten wir uns auf unsere warmen Decken im Zelt.
Donnerstag, 03.01.2013 (Tag 19)
An diesem Morgen waren wir bei unserem Drumteacher zum Frühstück in das Haus seiner Mutter eigeladen worden. Michael holte uns früh ab und es ging bergauf ins Dorf. Nicht das Touri-Dorf, in dem sich die Bars, Campingplätze und Backpackers aneinanderreihen, sondern ins Dorf der Einheimischen. Michaels Familie lebt in einem ärmlichen Rondell, einer traditionellen Rundhütte. Dort angekommen lernten wir seine Mutter und Geschwister kennen. Die Frauen waren damit beschäftigt, wozu sie in den Augen der meisten Südafrikaner geboren wurden – sie kochten bzw. sie lösten Maiskörner von Kolben. Weil das Frühstück noch nicht fertig war (Michael beschwerte sich lauthals darüber, dass seine Schwester das Brot noch nicht zweimal gekocht hatte), halfen wir ihnen. Danach gab es Tee, Toast mit Rama und nur einmal gekochtes Brot, das mich an Hefezopf erinnerte und mir persönlich sehr gut schmeckte. Gegen Mittag machten wir uns dann auf zum „Hole in the Wall“, einer riesigen Felsklippe im Meer, in die der stete Wellengang ein Loch gespült hatte. Drei Stunden lang ging es über Trampelpfade bergauf und bergab über die Hügel Coffee Bays. Die Natur auf diesem Weg war gigantisch in vielerlei Hinsicht. Auf der einen Seite war natürlich der gigantische Anblick der Hügel und das angrenzende türkisfarbene Meer, dazu kamen einige Tiere, einerseits Nutztiere, andererseits wildlebende Kleintiere wie Blindschleichen und riesige Heuschrecken in allen Farben. Ziemlich heftig an diesem Tag war der Wind, der so stark blies, dass man sich dagegen lehnen konnte. Nach drei Stunden Fußmarsch kamen wir durch einen Zauberwald, bei dem ich befürchtete, dass mir jederzeit aufgrund des Sturmes ein Ast auf den Kopf fallen könnte. Hinter dem Zauberwald lag das Loch in der Wand, endlich. Es war jedoch unspektakulärer, als ich es mir vorgestellt hatte, es war eben nur ein Loch in einer Wand. Weil der Wind immer stärker wehte und uns kalt wurde, verließen wir die Bucht schnell wieder und beschlossen, da wir ziemlich entkräftet waren, den Taxibus zurück zu nehmen. Als dieser nach Ewigkeiten kam (wir suchten in der Zeit hinter einem Container Schutz vor dem Wind), ging es wieder zurück zu unserem Hippie-Paradies und auf einen Kaffee ins Kaleidoskope. Danach lud uns Michael noch zum Abendessen ein, um uns zweimal gekochtes Brot probieren zu lassen. Weil es schon so spät war und seine Familie bereits schlief, kletterten wir über deren Zaun und Michael weckte seine Schwester, um uns zu bekochen, was uns allen sehr unangenehm war. In deren Zimmer erhielten wir das wohl ekligste Essen meiner gesamten Esskarriere. Es gab den Mais, den wir am Morgen gerupft hatten, vermischt mit Kidneybohnen und deren Dosenschleim. Die Tatsache, dass überall Kakerlaken vom Geschirr huschten, als wir Licht machten, verschlimmerte vielleicht das Ekelgefühl und ich weiß wirklich nicht wie, aber Anna und ich schafften es irgendwie, alles runterzuwürgen und mit einem fetten Grinsen zu beteuern, wie gut es uns doch geschmeckt hätte. Das leckere Brot und meine Vorstellung, das Mais-Bohnen-Gemisch sei Erdnussbutter, die wir futtern, linderte unser Martyrium. Die ganze Zeit herrschte eine unangenehme Stille im Zimmer, vielleicht um nicht zu sprechen, weil man befürchtete, sich dabei übergeben zu müssen und weil es uns unangenehm war, die Nachtruhe von Michaels Schwester und deren Sohn zu stören. Michael lobte die Kochkünste seiner Schwester in höchsten Tönen und fügte hinzu, dass sie außerdem auch sehr gut im Putzen sei – wieder mal typisch! Jeder war froh, als wir endlich aufgegessen hatten und wir uns über einen stockdunklen, steinigen und typisch südafrikanischen Weg zurück zum Zeltplatz aufmachen konnten.
Freitag, 04.01.2013 (Tag 20)
Heute schafften wir es dann doch tatsächlich noch: nach dem Spaziergang durch den strahlenden Sonnenschein, dem fantastischen Ausblick aufs Meer und der Wärme des weichen Sandes zwischen unseren Zehen besuchten wir unser Stammcafé, um dort zu frühstücken. Bei gebratenen Pilzen, Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln, Spiegelei, Toast mit seltsam bitterer Orangenmarmelade und viel Kaffee ließen wir es uns richtig gut gehen. Danach ging es mindestens genauso gut weiter: Surfboards ausleihen, damit zum Campingplatz knechten, Badesachen anziehen (mit ganz viel Sonnencreme einschmieren) und dann ab zum Strand. Merlin und ich beeindruckten uns gegenseitig mit unseren neuerlernten Tricks, wobei die Tubes, in denen wir surften, natürlich unsere Highlights waren. Naja, Schluss mit dem Rumgprolle – Merlin war besser als ich, aber immerhin habe ich es gegen Ende des Nachmittags mal geschafft, alles so einigermaßen hinzukriegen: auf die Welle zupaddeln, auf dem Surfboard umdrehen, im richtigen Moment lospaddeln, aufstehen und länger als drei Sekunden auf dem Board stehenbleiben – definitiv nicht so einfach, wenn man alles miteinander kombinieren soll! Danach ruhten wir uns noch am Strand aus und trockneten in der Sonne (wobei sich Merlin einen ordentlichen Kniekehlensonnenbrand holte^^), duschten (sogar mit fast lauwarmem Wasser!) und machten ein kurzes Nickerchen. Weil ich nicht schlafen konnte, holte ich mir die Gitarre aus dem Auto, machte es mir im Gras gemütlich und wollte gerade zum Spielen anfangen, als zwei schwarze Kerle ankamen und sich zu mir gesellten. Sie baten mich, ihnen etwas vorzuspielen und danach verkündete einer der beiden, er könne auch Gitarre spielen. Zuerst dachte ich mir „Ja, sicher…“, im Kopf das Bild einiger Freunde Rastahs, die dasselbe behaupteten und dann wie wild und ohne jegliche Ahnung auf der Gitarre rumhackten. Trotzdem gab ich ihm die Gitarre und wurde überrascht – er spielte richtig gut! Nachdem wir uns gegenseitig einige Lieder vorgespielt hatten, kamen wir miteinander ins Gespräch und quatschten im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt. Auch einer unserer freaky Campingplatznachbarn gesellte sich zu uns, er begleitete Merlin und mich später auch ins Dorf, um die Surfboards zurückzubringen und einen Kaffee zu trinken. Es stellte sich heraus, dass er ein sehr komisches Kerlchen mit äußerst seltsamem Humor war – wir hatten echte Schwierigkeiten damit, bei seinen Geschichten zwischen Wahrheit und Spaß zu unterscheiden. Zurück auf dem Campingplatz luden uns unsere Nachbarn ein, mit ihnen einen Surffilm anzuschauen – eigentlich luden wir uns selbst ein, da wir keine Lust dazu hatten, Feuer auf unserem Grill zu machen und sie einen Campingkocher hatten, also fragten wir mal ganz dreist, ob wir bei ihnen kochen dürften – wir durften. Bei einem Schlückchen Amarula, unserem nicht ganz so guten Eintopf (mit Mais und Bohnen, erinnerte uns an widerliches Essen…) und netter Gesellschaft ließen wir unseren letzten Abend gemütlich ausklingen.
Samstag, 05.01.2013 (Tag 21)
Es hieß Abschied nehmen von Coffee Bay, unserem geliebten Chill-out-Café, unserem Traumstrand und all den netten Leuten dort. Wir packten zum letzten Mal unsere Sachen, verabschiedeten uns von unseren freakigen Surfnachbarn und die Pothole-Rallye begann aufs Neue – Ziel: Pietermaritzburg. Home, sweet home! Die Fahrt verlief weitgehend ohne Zwischenfälle. 75km vor Pietermaritzburg ereignete sich dann doch noch etwas, was mir fast den Urlaub vermiest hätte: ich wurde von der Polizei gestoppt, weil ich in einer 60er-Zone 86km/h gefahren bin. Ups! Und das, obwohl ich mich doch sonst immer an die Verkehrsregeln halte 😉 Ich dachte, der Tag wäre gelaufen, als ich meinen Führerschein zücken musste und meine Personalie auf einem Knöllchen festgehalten wurden. Allein die Tatsache, dass wir uns als Freiwillige für Südafrika einsetzen und die Beamten dadurch beeindrucken konnten, rettete uns den Arsch und sie ließen uns gehen. Natürlich nicht, ohne vorher nochmal von dem Polizisten angeflirtet zu werden. Er wollte Isabell heiraten und so verhandelten wir natürlich von Mann zu Mann über den Preis. Mit 15 Kühen gaben wir uns zufrieden, tauschten Handynummern aus, damit er uns besuchen und seine Frau abholen kann und natürlich um die 15 Kühe vorbeizubringen. Der Tag war gerettet und sehr amüsiert darüber, wie leicht man hier davonkommt, legten wir die letzte Strecke im Eiltempo zurück. PMB hat uns wieder!
Allgemeines:
Sogar auf den Straßen Südafrikas fällt die Freundlichkeit der Bewohner dieses Landes auf: erstens drängelt hier fast keiner (nicht so wie bei uns) und zweitens gibt es hier eine sehr coole, inoffizielle Regelung, an die sich fast jeder hält. Die Straßen, zumindest die N2, auf der wir oft gefahren sind, sind so breit, dass links und rechts ein Seitenstreifen ist, auf dem ein Auto fahren kann. Also auch wenn es offiziell nur eine Spur gibt, in Wirklichkeit sind es sozusagen eineinhalb pro Richtung. Fährt man nun langsamer und bemerkt, dass ein Auto hinter einem fährt, das gerne schneller fahren bzw. überholen möchte, fährt man auf diesen Seitenstreifen, damit das Auto hinter einem problemlos überholen kann. Diese nette Geste wir ausnahmslos immer mit einem freundlichen Blinken der Warnblinklichtanlage des Überholenden bedacht. Das Ganze ist sehr praktisch, da häufig langsame, klapperige und schwer beladene Autos oder LKWs (die hier wirklich riesig sind!) vor einem fahren. So haben wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und uns schnell an diese Geste gewöhnt.
Schon wieder muss ich die Straßenverhältnisse Südafrikas ansprechen – sie sind einfach zu lustig. Oder nervig. Je nachdem, in welcher Stimmung man sich gerade befindet 🙂 Schlaglöcher findet man auf so gut wie jeder Straße – ob Landstraße oder Autobahn ist da völlig egal. Wir sind mittlerweile Profis im Schlaglochausweichspiel. Falls jemand von euch irgendwann mal nach Südafrika kommen sollte, nicht jeder, der wie ein Irrer fährt, ist betrunken – die meisten versuchen einfach nur, ihr Auto nicht zu Schrott zu fahren. Ach ja, noch ein guter Tipp: wenn ihr im Besitz einer Straßenkarte Südafrikas seid (also ich meine wirklich den südlichen Teil Afrikas, mit Namibia, Botswana, Mozambique, Zimbabwe, Swasiland und Lesotho), fahrt auf keinen Fall weiße Straßen! Das sind Äcker, über die ihr nur mit 20km/h kriechen könnt 😀
Der Satz, der uns auf unserer kompletten Reise über immer und immer wieder, egal wo wir waren, begegnet ist, war „Enjoy yourself!“ – deshalb auch der Titel dieser Blogeinträge. Die Menschen hier scheinen viel mehr zu begreifen, dass man das Leben genießen muss. Daher nun auch unser Motto: Guys, you have to enjoy yourself! Habt Spaß und genießt euer Leben!
Oft begegnen einem auf den Straßen Schilder, die zu irgendwelchen „Sehenswürdigkeiten“ führen, die sich dann letztendlich, nachdem man bezahlt hat, als relativ unspektakulär herausstellen. Fährt man beispielsweise zum Grab von irgendeinem Zulukönig und bezahlt brav seinen Eintritt, findet man meistens nur eine langweilige Steinplatte vor, auf der man nicht einmal die Buchstaben entziffern kann, da sie schon lange verwittert sind. Was ein bisschen nervig ist, ist die Tatsache, dass man für alle lohnenswerten Ziele in Südafrika Geld ausgeben muss. Nichts, was hier irgendwie interessant zum Anschauen wäre, ist hier kostenlos. Und je weiter man auf der Garden Route in Richtung Kapstadt fährt, desto tiefer muss man in die Taschen greifen, um das sehen zu können, was man sich vorgenommen hat.
Die gute Nachricht: sowohl Auto als auch Zelt haben die Reise gut überstanden. Ok, das Auto vielleicht nicht so ganz. Aber mit insgesamt mehr als 5000km auf dem Tacho und den südafrikanischen Straßen darf ein Auto ruhig ein paar kleine Kratzer haben, oder?
Wir haben jetzt so ziemlich ganz Ost-Südafrika abgeklappert und uns ist aufgefallen, dass die Gegenden oder vor allem die Städte immer mehr dem Tourismus verfallen sind, je weiter man Richtung Südwesten kommt. In Pietermaritzburg losgefahren, wo man die Armut noch an jeder Straßenecke sieht, wurde es in der Transkei, dem soweit ich weiß ärmsten Gebiet Südafrikas, nicht besser. Kaum lässt man die Transkei aber hinter sich und nähert sich der Garden Route, werden die Armenviertel in Bereiche verbannt, in denen Touristen sich nicht unbedingt aufhalten, aber sie sind trotzdem da. Auf der Garden Route wird es umso luxuriöser desto weiter man sich Kapstadt nähert und Kapstadt hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Afrika zu tun sondern erinnert sehr an Städte Europas.
Was die Natur Südafrikas angeht, ist es sehr anders hier als ich erwartet habe. Ich habe zwar nicht erwartet, dass ich morgens wenn ich die Wohnung verlasse Angst haben muss, dass mich ein wildes Tier frisst oder ich in eine giftige Schlange trete, aber ich dachte, dass man vielleicht mehr sieht als hin und wieder eine Eidechse. Wenn man Tiere sehen will, muss man dazu in Nationalparks fahren und das sind nichts anderes, als etwas größere Zoos. Die Tiere werden dort genauso gefangen gehalten, werden gefüttert und man zahlt Eintritt um dann mit dem Auto durch deren soo „natürlichen“ Lebensraum zu brausen. Nachdem ich im Addo Elefant Park diese deprimierende Tatsache erkannte, habe ich ehrlich gesagt keine Lust mehr, meinen Fuß in einen dieser Zoos zu setzen. Tiere betrachte ich am liebsten noch in freier Natur und nicht eingesperrt mit der Absicht Geld mit ihnen zu verdienen.
Zusammengefasst kann ich wohl für jeden Einzelnen von uns sprechen, wenn ich sage, dass es in Coffee Bay am schönsten ist. Der Name des paradiesischen Gebietes und der dort sehr billig und schmackhaft zu erwerbende Kaffee machten uns diese Bucht noch sympathischer. Was sie aber zu unserem Favoriten macht, ist, dass dort niemand versucht, sich dem Tourismus anzupassen, den Leuten Luxus und den Standard zu bieten, den man gewohnt ist, sondern man hat sich dem Leben dort anzupassen. Alles ist sehr natürlich gelassen worden, in den Campingplätzen krabbeln giftige Insekten herum, zum Scene-Viertel, oder eher Hippie-Viertel muss man auf wackeligen Steinen über einen Bachlauf balancieren. Alles dort ist einfach gestrickt und anders als man es gewohnt ist. Noch dazu ist man von lauter freundlichen Menschen umgeben, die dir anbieten, in ihre Kultur einzutauchen und von ihnen zu lernen, sind aber genauso bereit von dir zu lernen. Das ganze verleiht Coffee Bay eine relaxte Atmosphäre, es wird einem dort nicht langweilig, man hat viele Möglichkeiten sich zu beschäftigen. Hat man darauf keine Lust, heißt es ab ins Kaleidoskop zu einer Kanne Kaffee 🙂
Unser Bericht schließt natürlich nur die schönen Ereignisse ein. Natürlich kann man in einem Bericht auch nicht alles schreiben, was man erlebt, der Eine oder Andere wäre wohl etwas empört wenn er die ganze Story lesen würde, aber für diese unerzählten Momente lassen wir eurer Fantasie freien Lauf 😉
Hier kommt endlich der erste Teil des Roadtrip-Berichts, abwechselnd geschrieben von Merlin (startet bei Tag 1 und schreibt immer die ungeraden Tage) und Anna (startet dann logischerweise bei 2 und schreibt immer die geraden Tage). Viel Spaß 🙂
Sonntag, 16.12.2012 (Tag 1)
Natürlich wurde am ersten Tag erst mal ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt, bevor es endgültig losging. Wir hatten so viel Gepäck dabei, dass ich es für unmöglich hielt, alles ins Auto zu stopfen und auch noch Platz für uns drei zu finden. Ich hatte das Auto kleiner in Erinnerung und so passte alles besser als ich gedacht hätte. Voller Vorfreude und mit einem USB-Stick unserer besten Mucke für unseren ultramodernen Radio begann unsere Reise in Richtung Durban. Unser erster Halt war am Ifafa-Beach, das erste Mal am Meer. Jeder für sich genoss einige Momente lang die Atmosphäre, die salzige Luft und das Wellenrauschen, bevor es weiter Richtung Süden ging. Was ich am ersten Tag gelernt habe, war, mit einem so kleinen Auto keine ungeteerten Straßen zu nehmen (die sowieso meistens nirgends hinführen). Geteerte Straßen sind hier schon mit Vorsicht zu genießen, weil sie oft mehr aus Schlaglöchern, so tief wie Reifen hoch sind, bestehen als alles andere. Ungeteerte Wege dürften eigentlich gar nicht mehr Wege genannt werden. Vor lauter Sumpflöchern und Wasserrillen bräuchte man wohl eher einen Truck, um dort fahren zu können und es wundert mich wirklich, dass wir mit unserem Mini-Hyundai nicht stecken geblieben sind. Genau solche Wege mussten wir allerdings nehmen, um unser Zelt abseits der Zivilisation parken zu können. Nach mehreren Irrfahrten durch Sumpflandschaften fanden wir schließlich den perfekten Zeltplatz in einem kleinen Wäldchen, wo wir auch unser Auto verstecken konnten und einer kleinen Sandgrube, wo wir Feuer machten, Marshmallows grillten und Kaffee kochten und unseren ersten Abend gemütlich ausklingen ließen, bevor wir uns trotz einem Liter Kaffee, den wir aus Plastikschüsseln tranken, müde ins Bett zurückzogen.
Montag, 17.12.2012 (Tag 2)
Am Morgen wurden wir vom Gesang der Vögel, dem langsam heller werdenden Licht und LKW-Geräuschen geweckt. Ein bisschen beunruhigt, da wir uns ja extra ein abgeschiedenes Plätzchen gesucht hatten, kletterten wir aus dem Zelt. Kurze Zeit später standen auch schon zwei junge Kerle vor uns. Bei einem kleinen Stehimbiss mit Erdnussbuttertoast und Banane erklärten die beiden uns dann, dass sie, hätten sie unser Auto verlassen vorgefunden, die Polizei gerufen hätten (gestohlene Autos werden hier in Südafrika oft erst irgendwo abgestellt, bevor sie weiterverkauft werden; so stellen die Skebengus sicher, dass im Auto kein Tracker eingebaut ist und die Polizei es dann finden kann). Aber so war dann ja alles gut und wir genossen unser Frühstück und den Smalltalk. Nachdem die beiden gegangen waren fiel Merlin auf, dass sie – genauso wie er – ihre Bananenschalen in die Bäume neben sich gehängt hatten. Meiner Meinung nach bemüht sich hier jeder viel mehr als in Deutschland, die Kultur und Traditionen des Anderen zu respektieren. Das Beispiel mit den Bananen hinkt vielleicht ein bisschen, aber ich wollte das schon lange schreiben und habe nun eben ein einigermaßen passendes Beispiel gefunden. Jedenfalls haben wir dann unsere Sachen zusammengepackt und uns auf den Weg gemacht. Zwei Stunden später, mitten auf unserem Weg durch die Transkei, sahen wir einen schönen Hügel und beschlossen, dort hinaufzuwandern. Beim Weg nach unten machten wir noch kurz Halt bei einem Minisee, um uns ein wenig zu erfrischen – wenn man den Tag zuvor schwitzend im Auto verbracht , zu dritt in einem Zelt geschlafen hat und keine Möglichkeit hatte, sich zu duschen, lernt man solche kleinen Dinge wirklich viel mehr zu schätzen. Während der nächsten Etappe unserer Reise spielte ich den Chauffeur und cruiste die schlafende Meute durch die wunderschöne Berglandschaft der Transkei. Und plötzlich, nach einer der unzähligen serpentinenartigen Kurven, sah ich es wieder: das Meer! Die Aussicht, wie das blaue Meer zwischen zwei von südafrikanischem Wald bedeckten Hügeln langsam näherkam, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht – ich kam mir vor wie im Paradies und Merlin, der gerade wieder aufgewacht war, fasste meine Gedanken in Worte: „Welcome to Paradise!“ Nachdem wir dann noch ein bisschen nach dem Weg gesucht und ein paar Kleinigkeiten eingekauft hatten, übernahm Merlin das Steuer und fuhr uns direkt zum berühmten Coffee Bay. Unterwegs hielten wir einmal an, weil uns Kinder am Straßenrand anbettelten – gutmütig beschlossen wir, den dreien jeweils einen Erdnussbuttertoast zu machen. Natürlich wurden aus drei Kindern schneller als wir kucken konnten ungefähr 10, aber was solls. Glücklich über die sich freuenden Kinder, die gute Musik im Auto und der wunderschönen Landschaft konnten uns auch die sehr afrikanischen Straßenverhältnisse nicht unsere gute Laune verderben. Nach unserer Ankunft entschieden wir uns dazu, auf einem sehr schönen Campingplatz, der in einem kleinen Wäldchen direkt am Meer lag, zu übernachten. Nachdem wir unser Zelt aufgebaut hatten, sind wir natürlich erst mal an den Strand gegangen – und ich kann mich nur wiederholen, aber es war so unglaublich schön dort, ich kam mir vor wie in einem Traumurlaub (wozu sich diese Reise nach meinem Geschmack auch immer mehr entwickelt). Was dann ein bisschen nervig war, waren die vier Schmuckverkäuferinnen, die sich auf uns stürzten. Sie hatten wirklich schöne, selbstgemachte Armbänder und Kettchen aus Kaffeebohnen, Muscheln und irgendwelchen Baumsamen, aber mit ihrer aufdringlichen Art war es schwierig, sich auf ihre Waren zu konzentrieren und jedem gerecht zu werden. Nach dem auf dem gesamten Roadtrip üblichen Abendessen (Toast mit Erdnussbutter/Honig, Banane, Apfel, Karotte) checkten wir unsere Umgebung aus und machten uns auf in Richtung Bars und Geschäfte. Um diese zu erreichen mussten wir jedoch einen Fluss überqueren, über den keine Brücke, sondern nur ein wackeliger Steindamm führte. Trotz meines dürftigen Gleichgewichtssinns schaffte ich es zum Glück trocken von der einen zur anderen Seite 🙂
Unterwegs wurden uns von fast allen, denen wir begegneten, mushrooms angeboten – scheinbar fahren die hier alle voll drauf ab. In einem Hippieladen bewunderten wir Kleider, Röcke und Schmuck, während Merlin gemütlich einen selbstgemachten, wirklich leckeren Brownie mampfte. Ich glaube, dass wir alle die gemütliche Atmosphäre, die vielen bunten Lichter in der Dunkelheit, die aufgeschlossenen Menschen und den Trubel genossen. Auf der Straße wurden wir von einem Typen namens Michael angesprochen und eingeladen, mit ihm in eine Bar namens „Jah Drums“ zu gehen, um dort mit ihm zu trommeln. Oben angekommen wurden wir – wie bisher überall in Südafrika – herzlich begrüßt. Bei einem Cocktail, vielen netten Rastahleuten und einer Trommelsession (die meine Wurstfinger auf doppelte Größe anschwellen ließ – pfui) verbrachten wir einen lustigen Abend, der am Ende mit der Aussicht aufs Surfen am nächsten Tag mit Tobi, einer der Mitarbeiter der Bar, gekrönt wurde. Danach stolperten wir mehr schlecht als recht durch die Dunkelheit zurück zum Campingplatz, wo wir in unseren kuscheligen Bettchen noch ein bisschen dem unwahrscheinlich lauten Gezirpe der Zikaden lauschten. Was den Abend für mich perfekt gemacht hat waren die schönen Erinnerungen an früher, als wir in der Dunkelheit die blinkenden Lichter der Glühwürmchen bewunderten.
Dienstag, 18.12.2012 (Tag 3)
Als wir am ersten Morgen in unserer Dschungelcampsite aufwachten, ging es natürlich zuerst ans Meer. Wenn man schon die Möglichkeit hat, aus dem Zelt zu klettern, ein paar Meter zum Meer zu wackeln und schwimmen zu gehen, ist dieser Programmpunkt natürlich Pflicht. Gefrühstückt wurde auch am Meer. Danach ging für mich ein Traum in Erfüllung und zur gleichen Zeit auch ein Albtraum. Am Abend zuvor lernten wir bei Jah Drums einen Einheimischen namens Tobi (komischerweise haben dort alle sehr europäische Namen) kennen, der uns anbot, uns surfen zu lernen. Dieses Angebot konnten wir natürlich nicht ablehnen. Wir stellten uns alle erstaunlich gut an. Es wunderte mich selbst, wie gut ich mich auf dem Board halten konnte, ich hatte es mit schwieriger vorgestellt. Durch meine wenige Skateboard-Erfahrung hatte ich vielleicht einen kleinen Vorteil, weil es scheinbar egal ist, ob man Rollen oder Wellen unter dem Board hat. Bei beiden Sportarten zählt nur: Gleichgewicht halten und aufpassen, dass man nicht vom Brett fällt. Was man beim Surfen zusätzlich beachten muss, ist, dass man genau abschätzt, wann die Welle kommt und wann man lospaddelt. So viel Spaß es auch machte, wir waren scheinbar das gute Wetter nach zwei Monaten Dauerregen in PMB nicht mehr gewöhnt (billige Ausrede) und dachten erst viel zu spät daran, uns einzucremen. Wir holten uns den wohl schlimmsten Sonnenbrand unseres Lebens. Die Schmerzen, die wir die folgenden Tage am gesamten Körper hatten, sind nicht in Worte zu fassen. Abends gingen wir in unserer Hippie-Bar essen. Wir tranken Amarula-Kaffee, aßen Brownies, Eis, asiatische Nudeln, Kartoffeln, Knoblauchbrot, Pommes, Wraps und noch mehr Brownies. Später genossen wir den Abend noch in einer der anderen Bars, lauschten den Trommelklängen und der Musik einer Psychedelic-Band und rauchten Hubbly-Bubbly (Shisha) mit einer Gruppe Indern aus Durban, die wir dort kennenlernten. Wir tauschten Nummern aus, um sie nach unserem Trip mal zu besuchen oder umgekehrt. Zwei der vier Typen hatten eine wirklich komische Lache, die ich leider mit nichts vergleichen kann, allerdings schaffte ich es, sie perfekt zu imitieren. Nur peinlich, dass sie gerade neben uns saßen und sich wohl ziemlich verarscht vorkamen. Änderte aber nichts daran, dass wir uns gut verstanden. Es macht wirklich Spaß, so wie sie zu lachen, wundert euch also nicht, wenn ich zurückkomme und wie ein Irrer lache. Unsere Hubbly-Bubbly-Session rundeten wir mit einer Chill-Out-Session am Meer ab und erlebten dann die wohl ungemütlichste Nacht bisher, in der jeder vor lauter Sonnenbrand nicht wusste, wie er sich am besten hinlegen sollte und sich vor Schmerzen hin- und herwälzte.
Mittwoch, 19.12.2012 (Tag 4)
Wir ließen unseren zweiten Morgen auf dem Campingplatz gemütlich angehen und schliefen erst mal ordentlich aus. Mit vom Frühstück gefüllten Bäuchen und Isabells neuer, selbstgebauter Trommel im Gepäck machten wir uns wieder auf den Weg – ich war schon traurig, dieses neuentdeckte Paradies schon wieder verlassen zu müssen. Aber immerhin machen wir ja einen Roadtrip mit dem Ziel, viel von Südafrika zu sehen, also ging es weiter mit dem doch etwas zu weit entfernten Ziel Port Elizabeth. Abends um halb sechs waren wir erst bei East London, etwa der Hälfte des viel zu langen Weges, den wir uns vorgenommen hatten, es begann zu regnen und die Stimmung (meine zumindest) war etwas getrübt. Wir beschlossen, in der Nähe von East London unser Nachtlager aufzuschlagen und gondelten zuerst ein bisschen planlos durch Townships, bis wir noch ein kleines Stück auf der Autobahn fuhren und einen kleinen, verschlafenen Ort erreichten: Berlin. Ich weiß nicht, ob der Name unser Vertrauen und unseren Mut weckte, jedenfalls fragten wir bei Leuten an den Häusern nach, ob wir unser Zelt in ihrem Garten aufstellen dürften. Nach zwei vergeblichen Versuchen wurde uns empfohlen, Mr. Kaser, einen Mann, der in Berlin anscheinend sehr viele Grundstücke besitzt, aufzusuchen und bei ihm nachzufragen, ob er ein Plätzchen für uns hat. Gesagt, getan – Mr. Kasers Sohn bot uns ein Haus – ein HAUS! – an, das gerade renoviert wurde, gab uns die Schlüssel dafür und sagte, wir sollten sie ihm am nächsten Morgen wieder zurückgeben. So kamen wir also dazu, unser Nachtquartier in einem leerstehenden Haus einrichten zu können. Am Lagerfeuer genossen wir diesen unglaublichen Erfolg, kochten Kaffee, machten Rührei und spielten Gitarre. Sogar Wasser und Strom waren in dem Haus vorhanden und so konnten wir in „unserem“ Haus sogar eine warme Dusche nehmen. Nachdem wir unsere verbrannten Bodies zum gefühlten tausendsten Mal in der Hoffnung auf Besserung mit Creme überschütteten, machten wir es uns auf dem Boden gemütlich.
Donnerstag, 20.12.2012 (Tag 5)
Früh morgens stand in Berlin dann ein Handwerker vor der Tür, ein Einheimischer namens Richard, und wollte die Räume streichen. So beendeten wir gelassen unser Frühstück, überließen Richard die Schlüssel und verließen „unser“ Haus. Nach einer vergeblichen Suche nach Mr. Kaser, bei dem wir uns noch bedanken wollten, ging es endlich nach PE (Port Elisabeth). Durch eine Bekannte in Pietermaritzburg bekamen wir die Kontaktdaten einer Frau dort, die wir anriefen du fragten, ob wir unser Zelt bei ihr im Garten aufstellen dürften. Odette lebt am Stadtrand vom PE in einem Wohngebiet für etwas Wohlhabendere. Weil ihre Töchter zu dem Zeitpunkt nicht im Haus waren, musste wir unser Zelt gar nicht aufbauen und durften in deren Bette pennen Wir blieben bis zum Abendessen und lernten noch ihre Tochter und deren Freundin kennen, die zum Besuch kamen und sich als zwei verrückte, aber nette, Hühner entpuppten. Ich stellte fest, dass sich unsere Art zu kochen sehr von deren Art unterscheidet. Sie würzen so gut wie gar nicht, sie schmeißen das Gemüse lediglich in die Mikrowelle und backen ihr Hackfleisch (das ich zum Glück nicht essen musste) genauso ungewürzt, vermischt mit Teig, im Ofen. Es hat auf seine eigene Art und Weise wieder interessant geschmeckt, weil man nur den reinen Geschmack vom Gemüse hatte, unverfälscht von Gewürzen, die meiner Meinung nach Kochen erst interessant machen. So fand ich das Essen nicht schlecht, nur einfach langweilig. Danach ging es wie immer erst mal an den Strand und in ein Touri-Viertel, in dem uns Musik von überall beschallte, in einem Teil ein Konzert gegeben wurde, an dem See in der Mitte des „Viertels“ ein überdimensionaler Springbrunnen und Lichteffekte die Menschen begeisterte. In den hunderten von Geschäften rings um den „See“ versuchten Leute, ihren Ramsch loszuwerden. Ich kam mir dort vor, wie einer der unzähligen Touris (die ich von Grund auf nicht leiden kann), und auch wenn ich mir dort ein wunderschönes handgemaltes Bild kaufte, war ich froh als wir wieder abdampften und wir es uns bei Odette gemütlich machen konnten. Wirklich angenehm mal wieder in einem Bett zu schlafen vom Baden in einer Badewanne ganz zu schweigen.
Freitag, 21.12.2012 (Tag 6)
In einem Bett aufzuwachen, die Treppe runterzugehen und zu frühstücken, eine echte Toilette zu benutzen und nicht in den Busch pinkeln zu müssen – wir freuten uns schon darüber, wieder einmal ein bisschen Komfort genießen zu dürfen. Zum Frühstück gab es Jogurt, Honig, Erdnussbutter, natürlich Toast und etwas sehr seltsames: Marmite. Der Geschmack lässt sich meiner Meinung nach nur schwer in Worte fassen, er liegt wohl irgendwo zwischen Wurst und komplett versalzener, ekliger Brühe und dementsprechend verursachte Marmite eher Brechreiz als Genuss. Odette war jedenfalls sehr erstaunt darüber, dass wir Erdnussbutter und Honig bevorzugten. Nach dem Frühstück packten wir unsere sieben (oder eher tausend) Sachen, stopften sie ins Auto, bedankten und verabschiedeten uns bei unserer unglaublichen Gastgeberin und düsten los zum Addo Elephant Parc, der ein Stück vor bzw. neben P.E. liegt. Die 16€ Eintritt fanden wir zwar übertrieben, doch da wir schon mal dort waren und sich die Gelegenheit, einen Nationalpark zu besuchen, nicht jeden Tag bietet, bezahlten wir brav und machten uns auf den Weg. Während wir mit 30 km/h Autochillen im Nationalpark spielten, entdeckten wir Kudus, Affen, Birds of Prey, Zebras, Schildkröten, Schwarzrückenschakale und – zum Glück – Elefanten. Irgendwann wurde uns die Mittagshitze zu viel, man bekam auch kaum mehr irgendwelche Tiere zu Gesicht (die sind schließlich schlau und relaxen im Schatten), also fuhren wir zurück nach P.E. Von dort aus ging es auf der N2 weiter bis nach Humansdorp und dann nach Cape St. Francis, wo Odette uns in ihr Ferienhaus eingeladen hatte. Oh mein Gott, ja – sie besitzt ein Ferienhaus direkt am Strand (mit kilometerlangem, weißen Sandstrand und tausenden von Muscheln)! Unbelievable! Den Rest des Tages verbrachten wir damit, am Strand entlangzuspazieren und die Nachmittagssonne zu genießen, zenterweise Muscheln zu sammeln, Odette unsere Guitarskills unter Beweis zu stellen und für sie zu kochen (Gemüseeintopf, sehr lecker; nur mussten wir dazu auch nach Ziege stinkendes, aus mehr Fett und komischen Stücken als gutem Fleisch bestehende Würste essen – würde ich hier in Südafrika leben, würde es mir leicht fallen, Vegetarier zu sein). Nach einer erfrischenden Dusche durften wir uns, nun schon zum zweiten Mal, auf ein bequemes Bett freuen.
Samstag, 22.12.2012 (Tag 7)
Wie gewöhnlich ging es frühmorgens ans Meer und wir genossen die letzten Augenblicke am Paradise-Strand, bevor wir uns von Odette verabschiedeten und uns für die wunderbaren letzten zwei Tage bedankten. Ab dann ging es straight Richtung Plettenberg Bay und Bloukrans Bridge, die höchste Bungeebrücke der Welt. Was an dieser Brücke abging, kann man schlecht in Worte fassen, alles was ich schreiben werde wird wohl nur ein billiger Abklatsch der Momente und Gefühle sein, die ich dort erlebt habe. Vom Aussichtspunkt sah das ganze schon spektakulär aus und steigerte unsere Vorfreude, von Angst war noch keine Spur, weil noch keiner realisieren konnte, dass er gleich einen 216m tiefen Abgrund runterspringen würde. An der Rezeption wurde unser Gewicht gemessen und zusammen mit der Sprungnummer und Sprungzeit auf unseren Handrücken geschrieben. Ich hatte Sprungnummer 81, Anna Sprungnummer 82, Sprungzeit 13:00 Uhr. Eine halbe Stunde vor Absprung wurde uns der Ganzkörpersicherheitsgurt angelegt, die Spannung stieg, Angst war noch immer nicht vorhanden. Dann ging es endlich los. Über einen Trampelpfad und ein sich sehr wackelig anfühlendes Gitter unterhalb der Fahrbahn gingen wir zum Zentrum der Brücke. Von dort dröhnte uns schon laute Musik entgegen, zu der die Arbeiter tanzten und im Takt arbeiten, was einem viel von der Anspannung nahm. Dann hieß es warten, bis man an der Reihe war. Nach unendlich langen Minuten wurde ich geholt und auf meinen Jump vorbereitet. Der Hauptsicherheitspunkt liegt an den Füßen, an denen man dann letztendlich auch baumelt, der zweite Punkt am Ganzkörpersicherheitsgurt an der Brust. Dann wurde ich an die Absprungstelle gebracht, gehen war mit meiner Beinfessel leider etwas schwierig. Ich wurde am Bungeeseil eingehakt, sah nach unten, schaltete zum ersten Mal meinen Kopf ein und überlegte, was ich jetzt dann gleich tun werde, der einzige Moment, in dem ich kurz Angst hatte. Dann kam der Countdown und ich schaltete meinen Kopf wieder aus. „5, 4, 3, 2, 1, BUNGEE“, und ich sprang. Im ersten Moment fuhr mein Magen Achterbahn, dann war der Schock überwunden und ich flog und war frei. Als ich den tiefsten Punkt erreichte und wieder nach oben gezogen wurde, fing ich an zu singen, das Hochgefühl in dem Moment ist einfach unbeschreiblich. In einem Mix aus singen, strahlen und jubeln pendelte ich mich aus und wurde von einem Arbeiter, der Sätze raushaute wie „Ach du heilige Scheiße“ und „Man war das geil“, die Sätze, die er wohl am öftesten von Deutschen hört, wieder nach oben gezogen. Oben angekommen und entsichert fing ich erst mal an, zur Musik zu tanzen und ließ meiner Freude freien Lauf. Schließlich war Anna an der Reihe und wurde kurze Zeit später genauso strahlend und übermütig wie ich wieder nach oben geholt. Der Weg über das Gitter und die Aussicht nach unten, die uns zuvor soooo hoch vorgekommen war, erschien uns lächerlich. Unser Hochgefühl hielt an, als wir uns die DVDs zu unseren Jumps holten, hielt an, als wir wieder mal am Strand relaxten und auch später, als wir wieder mal irgendwo im Nirgendwo unser Zelt aufschlugen, fühlten wir uns wie die Größten. Irgendwo im Nirgendwo war leider nicht ganz so abseits, wie wir anfangs gedacht hätten. Nicht weit entfernt von unserem Zeltplatz an einem Wasserturm befand sich ein kleines Dörfchen, von dem aus laute Musik bis zu uns dröhnte und wo ich später auf meiner Erkundungstour das nette Pärchen Rudolf und Berenice kennenlernte. Zurück von meiner Erkundungstour gab es ein wunderschönes Abendessen in einer sternenklaren Nacht und Mondschein umgeben von unserer Dschungelkulisse vermischt mit der Musik aus dem Dorf auf dem rostigen Dach des Wasserturms.
Sonntag, 23.12.2012 (Tag 8)
Wieder einmal weckten uns die Sonne und der Gesang der Vögel. Nach einer kurzen Katzenwäsche und unserem üblichen Frühstück (neueste Erkenntnis: man kann unseren Pulverkaffee auch mit kaltem Wasser anrühren und er schmeckt dann sogar noch!) kam Merlin die Idee, Rudolf, den er am Abend zuvor kennengelernt hatte, auf ein kleines Frühstück zu uns einzuladen. Also lernten wir, wie so oft, wieder einmal einen netten Menschen kennen. Vor unserer Abfahrt brachten wir ihn noch zu seiner Arbeitsstelle an der N2, wo er Brennholz und selbstgemachte Blumensträuße verkauft. Die Blumen pflückt und bindet er jeden Morgen selbst – sie sahen wirklich schön aus! Um ihm eine Freude zu machen, kaufte Merlin einen Blumenstrauß für umgerechnet 3€, der in Deutschland mit Sicherheit 15€ gekostet hätte. Wir fuhren weiter, kamen allerdings nur bis Knysna, etwa 15 Minuten entfernt. Dort wollte ich mir einen wunderschönen, sehr alten Friedhof anschauen, den ich vom Auto aus gesehen hatte. Es hat sich wirklich gelohnt, dort anzuhalten: der Friedhof war schon über 90 Jahre alt, die Gräber überall unter den riesigen, alten Bäumen verteilt und von Pflanzen überwuchert. Das Licht, das durch die Bäume schien und der Wind, der die Blätter und das Gras zum Rascheln brachte, schaffte eine wunderschöne Atmosphäre. Danach schlenderten wir gemütlich durch die Stadt und genossen nach langer Zeit endlich mal wieder einen echten Kaffee. Es gab mehrere coole Läden, in denen es leider sehr teuer war – je weiter wir nach Westen kommen, desto mehr sind die Städte auf Touristen ausgerichtet. Wir fuhren weiter bis nach Mosselbai (wovon ich besser nicht so viel erzähle, da es die hässlichste Touristen-Hotel-Stadt war, die ich jemals in meinem ganzen Leben gesehen hatte) und noch 10km weiter nach Danabai, wo Isabell Sandboarden wollte und Merlin und ich im eiskalten Meer badeten. Mit der Absicht, uns ein gemütliches B&B für die Nacht zu suchen, gelangten wir nach Gouritsmond. Zum Glück war das B&B bereits voll, dachte sich jeder einzelne von uns, als uns ein dicker, alter Mann mit rotem Gesicht, geröteten Augen, Alkoholatem und allgemeinem Assi-Erscheinen die Türe öffnete. Wieder einmal hatten wir Glück, da es im selben Dorf auch einen Campingplatz gab. Wir zahlten nur unglaubliche R. 85,- für alle, wie sich später herausstellte war der Boden voller Dornen, unsere Platzmitbewohner waren Kakerlaken und das Wasser aus der Leitung schmeckte nach Fisch. Aber naja, immerhin hatten wir die Möglichkeit, zu duschen und billig zu campen, das ist doch schon mal was.
Montag, 24.12.2012 (Tag 9)
Es war der 24. Dezember. Das wohl heiligste Datum in Deutschland. Von Schnee und Kälte war bei uns allerdings keine Spur, weshalb wir uns auch nicht fühlten, als wäre Weihnachten oder auch überhaupt Dezember. An diesem Tag wachten wir auf unserer Gammel-Campsite auf. Die Kakerlaken krabbelten sogar auf der Wiese vor unserem Zelt rum, aber an die sind wir ja mittlerweile schon gewöhnt. Das Frühstück fiel diesmal sehr enttäuschend aus. Es gab Aussichten auf Kaffee, heißen Kaffee, ein Luxus, den wir nicht alle Tage haben. Der Haken daran war, dass das Wasser und demnach auch der Kaffee auf dem Campingplatz so übel nach Fisch schmeckte, dass er gänzlich ungenießbar war und wenn ein Kaffeejunkie wie ich sich weigert, seinen Kaffee zu trinken, will das schon was heißen. Mir war ziemlich der Appetit aufs restliche Frühstück vergangen und so packten wir unsere sieben Sachen und die Reise Richtung Kapstadt ging weiter. Nach mehreren Zwischenstopps in kleineren Städten, in denen wir vergeblich nach Waschsalons fragten und einem kurzen Stopp an einer Straußenfarm, wurden wir in Swellendam, einem kleinen, gemütlichen Nest, fündig. Frische Klamotten waren jetzt vielleicht nicht dringend notwendig, weil jeder noch genug dabeihatte, aber jeder von uns sehnte sich danach, sich nach dem Duschen mal wieder mit einem Handtuch abtrocknen zu können, das nicht nach Meer, Fisch und Gammel roch und so freuten wir uns über die Waschgelegenheit und genossen während der Wartezeit einen zum Glück fischfreien Kaffee und bummelten durch die Geschäfte. Danach hieß es erst mal Schlafplatzsuche und diesmal sollte es etwas Besonderes sein, es war schließlich Weihnachten (worauf ich so was von überhaupt keinen Wert lege). Wir fuhren nur wenige Kilometer raus aus Swellendam, an einer Farm vorbei, ein Stück durch den Wald einen Berg hoch und fanden ein besonders hartes Stück Erdboden, auf das wir unser Zelt pflanzten. Besonders war auch die geniale Aussicht, auf der einen Seite Berge und auf der anderen der Blick aufs Tal und Swellendam. Gekrönt wurde dieser Anblick mit einem der vielen sensationellen Sonnenuntergänge Südafrikas. Wir feierten an diesem Abend das wohl freieste, ungezwungenste und einfachste Weihnachten aller Zeiten, kochten als Festessen Uphut, diesmal mit Kartoffeln, Bohnen und Margarine und tranken dazu Irish Mist (Whiskey-Likör mit Kräutern und Honig) und Amarula (kann man mit Baileys vergleichen). Dazu lauschten wir den Nachtgeräuschen aus dem Wald und den Weihnachtssongs, die aus dem Tal zu uns heraufwehten und unserem Abend tatsächlich einen weihnachtlichen Touch verliehen. Wenn man dieses Fest jedes Jahr auf diese Weise feiern würde, ohne Wochen vorher von der allgemeinen Weihnachtshysterie und Schenkerei angesteckt zu werden, wäre es für mich ein Tag, auf den ich mich jedes Jahr freuen würde.
Dienstag, 25.12.2012 (Tag 10)
Anders als sonst wurde ich heute von seltsamen Urwaldgeräuschen aufgeweckt. Als ich dann, etwas erschrocken, aus unserem Zelt kroch, sah ich eine große Herde Baboons, große, braune Affen, durch den Wald neben unserem Zelt turnen. Meine Anwesenheit störte sie dabei nicht im Geringsten, sie kreischten, kämpften und kugelten sich über den Waldboden als ob ich nicht da wäre. Unser heutiges Ziel war Cape Angulhas, der südlichste Punkt Afrikas, wo der Indische Ozean und der Pazifik aufeinandertreffen. Da das natürlich ein richtiges Touristenziel ist, war mal wieder Fremdschämen und die Erfüllung etlicher Klischees angesagt: fette weiße (deutsche) Männer und Frauen, die sich mit ihrem Gelaber für superintelligent hielten, stundenlang mit Billo-Kameras fotografierende Asiaten und die üblichen „Ich-posiere-vor-jedem-Wahrzeichen“-Idioten. Wären all diese Menschen nicht da, wäre es dort still, windig und wunderschön. Irgendwie waren wir alle ziemlich erschlagen und niemand wollte mehr weiterfahren. Nach zunächst langer und vergeblich scheinender Suche fanden wir schließlich doch noch ein gemütliches Plätzchenneben einer Tankstelle (grüne Wiese, Bäume und Schatten!), wo wir den Nachmittag schlafend verbrachten. Als wir dann zumindest 10% mehr Energie als vorher hatten und Regenwolken aufzogen, fuhren wir weiter und machten uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Obwohl es nicht so geplant war, fuhren wir noch eine ganz schön weite Strecke in Richtung Cape Town, da es nirgends genügend Schutz gab, um unser leuchtend grünes Zelt aufzubauen bzw. wir keine Lust hatten, auf Steinen und Felsen zu schlafen. Zum ersten Mal sahen wir die südafrikanische Landschaft, wie man sie sich so oft ausmalt: hohes, stacheliges Gras, hügelige Landschaft, nur an vereinzelten Plätzen wenige Bäume, alles trocken und verdorrt. Und wieder einmal hatten wir Glück auf unserer Reise: nachdem wir beschlossen hatten, uns ein B&B für die Nacht zu suchen, kamen wir ins schönste Weinanbaugebiet Südafrikas, etwa 80km von Kapstadt entfernt: Farmen, Gästehäuser und Privatstraßen inmitten riesiger Weinberge, dazu im Hintergrund die Berge und ein malerischer Sonnenuntergang. Mithilfe einiger netter Männer (die gerade eine Christmas-Autoparty feierten) fanden wir dann ein perfektes B&B. Wir waren die einzigen Gäste, die Besitzer waren sehr nett und sprachen deutsch, wir durften alles in der Küche benutzen. Wir leisteten uns das gute Zimmer (R. 200,- pro Person), genossen den Abend mit Stockbrot und einem Schlückchen Irish Mist und Amarula und klimperten auf der Gitarre herum. Spät am Abend freuten wir uns auf unser gemütliches Leopardenbett – was für ein Luxus!
Mittwoch, 26.12.2012 (Tag 11)
Es wurde Mittag, bis wir aus unseren gemütlichen Betten gekrochen waren, gefrühstückt und geduscht hatten und uns von unserem Traum-B&B und deren Besitzer verabschiedeten. Diesmal ging es endgültig nach Kapstadt, die letzten 75km waren nur noch ein Katzensprung. Der erste Anblick Kapstadts war schon überwältigend, es ist eine riesige Stadt mit ca. 3,5 Mio. Einwohnern, wie wir später rausgefunden haben. Der Tafelberg in der Stadt wirkt größer als auf den Fotos, die man sonst sieht, aber auch um einiges weniger tafelig. Das Verkehrssystem ist ziemlich unübersichtlich und mein sonst relativ gutes Orientierungssystem hat mich fast gänzlich im Stich gelassen. Unser erstes Ziel war es natürlich, für eine Schlafgelegenheit zu sorgen, nur war ein Campingplatz nirgends ausgeschildert und die überall ausgeschilderten Touri-Informationen waren unauffindbar. So landeten wir letztendlich in einem sehr interessant eingerichteten Backpackers, in dem die Hälfte der Gäste wieder einmal Deutsche waren. Der Angestellte an der Rezeption, die gleichzeitig die Bar war, gab uns den Tipp zu einer Campsite in Simon’s Town, einem Vorort Cape Towns, zu fahren. Also fuhren wir durch sehr lebhafte Vorstädte Kapstadts zu einem Camingplatz außerhalb, der nicht ganz unerwartet ausgebucht war. Wir versuchten telefonisch über Bekannte, an eine Unterkunft zu kommen, hatten letztendlich aber keinen Erfolg. Als es dämmerte, parkten wir das Auto in einer Wendebucht in Simon’s Town um zu relaxen, Gitarre zu spielen und evtl. noch ein paar Telefonate zu führen. So trafen wir dort auf den Musiker Cliff, der in der Band „Middle Earth“ spielt, in der Gegend gerade als Housesitter arbeitete und in dem Moment mit den Hunden der Hausbesitzer an uns vorbeispazierte. Abwechselnd spielte wir uns Lieder vor und es dauerte nicht lange, bis der Besitzer des Ferienhauses nebenan von der Musik angelockt wurde, sich zu uns gesellte und uns Bier anbot. Von ihm bekamen wir weitere Tipps für Campingplätze und zum Glück auch das Angebot, das Zelt vor seiner Hütte aufzustellen, falls sie auch ausgebucht sein sollten. Natürlich war das der Fall und so nahmen wir sein Angebot dankend an. Murry kommt aus Schottland und leitet in Kapstadt eine Firma und dementsprechend ist auch seine Bude eingerichtet, in der wir später och bei Kaffee, der mittlerweile abends zur Gewohnheit wird, und Rusks chillten, mit seinem Teleskop den Mond angafften und uns mit ihm die Bungeevideos anschauten.
Kaum zu glauben, dass nach fast einem Monat Schreibfaulheit und Sendepause mehrere Blogeinträge hintereinander in so kurzer Zeit folgen. Liegt wahrscheinlich auch nur daran, dass Anna und ich uns gegenseitig motivieren. Zu zweit macht es auf jeden Fall mehr Spaß und vor allem dieses mal könnte es interessant werde, die Ereignisse aus den verschiedenen Perspektiven lesen zu können.
Männererlebnisse:
Wie angekündigt fuhren wir, Anna und ich, zu Rastahs bzw. zu seiner Gogo (Großmutter in Zulu) um einer traditionellen Zeremonie, in denen es sich hauptsächlich um Rastah und deren Bruder Ntokozo drehte. Das erste Mal haben wir unseren Fantasycake gebacken, einen Kokosmarmorkuchen mit Smartie-Schokoladenstücken und Schoko-Pfefferminz-Glasur. Klingt bisschen eingebildet, aber ich war selten so überzeugt von einem selbstgebackenen Kuchen, und der wie sein Name schon sagt einfach ohne Plan und Rezept gebacken wurde. Soviel zum Kucken, zurück zu Rastah. Wie jedes Mal fuhren wir mit dem Taxibus ins Ekasi. Dieses Mal nur nicht nach Gxa sondern weiter außerhalb in das Gebiet, in dem er und sein Bruder aufgewachsen waren. Es liegt in einer sehr ruhigen Gegend in den Bergen. Das erste komische was mir auffiel waren ein Paar Hühner die auf einem Baum saßen, ich weiß, dass es eigentlich normal ist, habe ich aber noch nie gesehen :D. Das Haus der Großmutter lag ziemlich weit oben auf einem Hügel. Was heißt ziemlich weit oben, es war vielleicht ein Fußmarsch von 5-10 Minuten, aber für den gemütlichen Ekasi-Bewohner sind 10 Minuten einen Berg rauflatschen verdammt lang. Oben angekommen wurden wir erst mal herzlich von Ntokozo, seiner Mutter und seinen Großeltern begrüßt, die unglücklicherweise kein Wort Englisch sprechen. So hielt sich unsere Kommunikation leider sehr in Grenzen.
Als wir den Weg hochstiefelten sahen wir eine Ziege mit lustigem Kinnbart am Zaun stehen. Nach der Begrüßung gingen Rastah und ich eine Rauchen und er sagte, dass ich diese Ziege später schlachten würde. Ich hielt es wiedermal für einen seiner makabren Scherze und lachte. Erst als wir zurück waren und er mich bat, ihm zu helfen die Ziege fangen, dachte ich drüber nach, ob er das nicht doch erst gemeint haben könnte. Wir fingen sie und trugen sie ins Haus. Rundherum wurden an Hausbacksteinen die Messer geschärft. Jetzt wurde mir bewusst, dass das definitiv kein Scherz war. Ich bin wirklich überzeugter Vegetarier und konnte nicht einschätzen, wie ich darauf reagieren würde eine Ziege selber zu töten, zu häuten und auszunehmen, aber wie immer war ich der Einstellung, dass sich das dann schon rausstellen würde, wenn es soweit ist. Bevor er mich bat ihm mein Messer zu geben (ich hab mein eigenes verloren und kaufte mir deshalb ein traditionelles Okapi, mit dem im Township jeder erstaunlich gut umgehen kann), wurde ich aus dem Raum geschickt, weil sie mit der Ziege ein Ritual abhalten wollten, später erzählte Rastah, dass die Ziege vom traditionellen Zulu-Bier (das ich auch probiert habe und eigentlich nur nach Mehl und Hefe schmeckt, definitiv nicht mein Lieblingsgetränk) trinken musste, um von den Ahnen angenommen zu werden. Dann war es soweit. Rastah bat uns, seinen Onkel, Cousin, Ntokozo und mich die Ziege an den beiden Beinen festzuhalten, mit den Worten „ hold it tight“. Dann schnitt er dem zuckenden und schreienden Tier die Kehle durch. Dieser Part war für mich der schlimmste, danach war alles mehr interessant als abstoßend. Das Fell wurde abgezogen, dazu braucht man ein ziemlich scharfes Messer, die deshalb alles paar Minuten nachgeschliffen werden. Dann kam der interessanteste Teil, das Ausnehmen. Das oberste Organ war eine sehr große grau-grüne Blase. Ich hielt es anfangs für den Magen, war mir aber hinterher nicht mehr sicher, denn dafür war er zu groß. Dann kam die Leber, die Därme, weiter oben konnte ich dann die Lunge und letztendlich das Herz erkennen. Als wir die Ziege fertig vorbereitet hatten, suchten wir uns ein Stück Draht und hingen sie an der Decke auf, damit die Ahnen davon über Nacht essen konnten, wir Rastah mir erklärte. Erst dann durften wir uns die Hände waschen, worüber ich wirklich froh war, es war ein sehr seltsames Gefühl das Blut an den Händen kleben zu haben. Danach war die Arbeit der Männer getan und es hieß relaxen. Anna und ich hatten uns während dem Ziege schlachten nur kurz gesehen, die Frauen, Rastahs unzählige Tanten, Cousinen etc. wiesen sie ein in ihre Welt des Kochens und Essens, während ich draußen mit den „coolen Jungs“ abhängen durfte :D. Nachdem die Ziege geschlachtet war, schleifte mich Rastah in einen der umliegenden Townshipclubs. Wir spielten eine Runde Pool, ich ließ mich zusammen mit ein paar Leuten fotografieren, die es wiedermal toll und mutig fanden, dass sich ein Weißer ins Township wagt und mit Schwarzen abhängt. Als wir vom Pool zum Kickern wechselten wurde es interessanter. Die Regeln dort sind, du hast einen Ball, wenn er bei dir im Kasten landet, gibst du ab. Mein jahrelanges Training hat sich wirklich gelohnt, so durfte ich ziemlich lang spielen und die Leute prügelten sich fast darum, wer als nächstes gegen mich spielen durfte :D.
Nach einiger Zeit wollte ich zurück und doch mal schauen, was Anna so treibt, musste aber feststellen, dass sie bereits ins Bett gegangen war. Männer und Frauen schlafen hier in getrennten Zimmern, in unserem Fall sogar in getrennten Häusern. Ich hatte die Ehre mir ein Bett mit Rastah, im Zimmer wo die Ziege hing und Ahnen schnabulierten, zu teilen.
Morgens hieß es dann um 5 Uhr aufstehen, leider nicht wie versprochen um 8. Gogo bestand darauf, dass wir beim Kuhkopf zerlegen helfen. Wir häuteten ihn und zerhackten ihn mit einem Beil in kochbar große Stücke und gingen dann nach Innen und zerteilten auch noch die Ziege.
Ich bin der Meinung, dass jeder, der Fleisch isst, in der Lage sein sollte, das Tier das er essen will, selbst zu töten und zubereiten zu können. An diesem Tag hatte ich geholfen ein Tier zu töten und beschloss deshalb, das erste Mal seit 2 Jahren wieder Fleisch zu essen. Das Fleisch der Ziege und der Kuh wurde zusammen mit großen Teigklumpen in einem überdimensionalen Topf gekocht. Als ich später von dem Fleisch probieren durfte, kostete es mich sehr viel Selbstbeherrschung nicht zu würgen. Nicht wegen dem Gedanken, dass es Fleisch war, sondern weil es einfach gekochtes schwabbeliges Fleisch war und Ziege schmeckt, wie Ziege riecht. Später setzte ich mich völlig übermüdet auf die Terrasse neben eine Henne die da allerding nicht sehr lange saß. Es kam Rastahs Cousin und schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch und Anna hatte die Ehre sie rupfen zu dürfen.
Mittlerweile kamen immer mehr Verwandte, es wurde ausgelassen gefeiert vor allem aber gegessen und getrunken. Die Leute dort gaben sich alle ziemlich die Kante und steuerte immer wackliger durch die Gegend oder lagen bereits biertrinkend im Gras :D. Die Aufgabe der Männer war es wieder nur, sich um das Fleisch zu kümmern und sich ansonsten von den Frauen bedienen zu lassen, zu essen, sich zu besaufen (mit traditionellem und gekauftem Bier) und zu rauchen.
Zwischendurch gab es eine kleine Zeremonie, in der Rastah und Ntokozo der Gogo eine Decke schenkten um ihr ihren Respekt zu zeigen. Die Oma setzte sich auf den Boden und ließ sich von den Jungs in die Decke hüllen, während die anderen rundherum tanzten und sangen. Eine der Frauen rastete immer regelrecht aus vor Freude und rannte immer schreiend von einer Ecke des Gartens in die andere :D.
Rastah stellt mir noch seine ganzen Homies vor, mit denen er aufgewachsen war. Wir tranken und aßen und tranken noch mehr relaxten und ließen uns von der Sonne braten. Leider ließ ich mich ein bisschen zu lang braten, auch das Bier zeigte seine Wirkung .Ich weiß nicht wovon ich mehr Kopfschmerzen bekam. So entschlossen ich mich einen Tag früher wieder nach Pmb zurück zu starten und Anna von ihrem Putz-„Spaß“ zu erlösen.
Die ganze Bedeutung, die jetzt letztendlich hinter der Zeremonie steckte, war, dass Rastah und sein Bruder von zuhause fortgingen, ohne Bescheid zu sagen bzw. ohne frei gelassen worden zu sein . Die Zeremonie hieß sie wieder zuhause willkommen. Durch das Opfer der Ziege wurde er auch wieder von den Ahnen akzeptiert und als Zeichen dazu muss er immer ein Stück Fell der Ziege an seinem Handgelenk tragen, das er nie abnehmen darf , um die Ahnen nicht wütend zu machen. Die Zeremonie machte die beiden jetzt voll zum Mann und erlaubt ihnen von zuhause wegzugehen und ihr eigenes Leben zu starten und zu heiraten, wenn sie wollen.
Ich hab jede Erfahrung dort wirklich genossen und weiß es zu schätzen, zu einer solchen Feier eingeladen worden zu sein. Ich denke, dass das für einen weißen eine sehr große Ehre ist. So interessant es auch war, ich bin den wenigen Schlaf und den permanente Alkohol nicht gewohnt und so bin ich ganz froh, dass ich nicht jedes Wochenende an so einer Zeremonie teilnehmen muss.
Die Woche darauf war relativ ereignislos. Es gingen wiedermal zwei unserer Autos kaputt und ich verbrachte viel Zeit damit, zu warten, dass entweder das Auto endlich anspringt, während 10 übermäßig hilfsbereite Leute an deinem Auto rumfummeln und mit allem was sie haben deinen Motor zerlegen oder, dass endlich der Abschleppwagen eintrifft. Dann wurde noch Christmas mit den Gardenpeople gefeiert. Ich bin selber erstaunt, dass ich mich als jemand, der Weihnachten nicht feiert und auch nicht leiden kann, in ein Santa-kostüm gezwängt habe, es dem es höllisch heiß war. Aber die Gesichter der Gärtner zu sehen, wie sich über das Ganze freuten, die Kuchen, die wir gebacken hatte, die Softdrinks und musikalischen Einlagen von Anna und Isabell, war das Ganze auf jeden Fall wert.
Heute geht dann endlich der langerwartete Roadtrip los, nicht wie geplant mit unserem eigenen Auto, das wir leider doch nicht kaufen können, sondern mit einem gemieteten, einen kleinen grauen Hyundai, der sich ziemlich gut fahren lässt und gar nicht so teuer war, wie ich befürchtet hatte, dass es werden könnte. Ich bin wirklich gespannt, wo es uns überall hintreibt, was alles passieren wird und was wir alles erleben. Ich freue mich schon euch davon zu berichten.
Frauenerlebnisse:
Als wir bei Rastahs Verwandten ankamen, haben uns zuerst einmal sämtliche anwesenden Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins sehr herzlich begrüßt. Beim Rundgang durch die sehr gut eingerichteten Steinhäuser trafen wir unter anderem Hlengiwe, die gerade einen Eimer Muffins gebacken hat (der Eimer war ungelogen mindestens einen halben Meter hoch und sehr, sehr groß – und bis oben hin gefüllt mit Muffins!) Meine Aufgabe als Frau war es dann, beim Kochen zu helfen – völlig in Ordnung, doch angesichts der Tatsache, dass Merlin nebenbei durch Ekasi zog und Freunde von Rastah kennenlernte doch ein bisschen deprimierend. Also stand ich mit vielen schwarzen, auf Zulu quasselnden Frauen in der Küche und habe gelernt, Tomaten und Zwiebeln mit einem völlig stumpfen Messer in der Luft zu schneiden. Den ganzen Abend lang wurde ich außerdem gemästet. Ich glaube, die Frauen dort wollten, dass ich eine von ihnen werde – und das in jeder Hinsicht (die Hintern der afrikanischen Frauen sind schon manchmal extrem beeindruckend :D). Zuerst sollte ich einen Teller voller Kuchen und Muffins essen, gleich danach gab es Abendessen, Reis mit Chicken, dazu gab es Zuckergetränke ohne Ende. Zwischendurch durfte ich dann zum Glück zu den Männern, die aufgrund der Festlichkeiten eine Ziege schlachteten. Ich war überrascht, wie interessant ich es fand – jedenfalls war es alles andere als eklig. Leider durfte ich nicht dabei zusehen, wie sie die Innereien rausholten, das hätte mich schon noch interessiert, aber Rastah bat mich, den Raum zu verlassen und so gesellte ich mich wieder zu den Frauen. Als es dann langsam Zeit wurde, um ins Betti zu gehen, haben wir unsere Sachen geholt und unser Schlafgemach bezogen (Mädchen und Jungs getrennt). Ich habe mit vier anderen Mädchen/Frauen in einem großen Bett unter einer großen Decke geschlafen. Ja, das Bett war wie ein Wasserbett und wir haben mit unseren Köpfen abwechselnd am Kopf- und Fußende des Bettes geschlafen, aber es war warm und bequem (zumindest solange, bis eine Person auch nur das kleinste Körperteil bewegt hat, dann wurde nämlich der Rest auch wach, weil das Bett so sehr wackelte^^). Der nächste Morgen brach an und begann um 4 Uhr, zum Glück nicht für mich, aber für Rastahs Mutter, die beim Hahnenkrähen aufstand. Ich stand erst später auf und wackelte dann gemütlich nach draußen, wo Merlin und die anderen Männer gerade dabei waren, einen Kuhkopf zu zerhacken – interesting! Nach einigem Zusehen wurde es ein bisschen langweilig, den Männern dabei zuzusehen, wie sie mit einem Beil den Kopf eines Rinds in Kleinteile zerhackten und Rastahs Mutter bot mir meine geliebte Waschschüssel an. Ich packte alle nötigen Utensilien zusammen und zog mich zurück ins Schlafzimmer, wo zwei Mädchen damit beschäftigt waren, das ganze Bettzeug aufzuräumen. Da es nicht den Anschein hatte, als ob die beiden bald fertig gewesen wären, habe ich mich eben einfach gewaschen – Nacktsein ist hier das normalste auf der Welt. Danach half ich Hlengiwe wieder beim Kochen, diesmal bereiteten wir verschiedene Salate zu. Natürlich gab es wieder einen fetten Teller mit Kuchen für mich, ich darf ja schließlich nicht verhungern! Im Laufe des Vormittags kamen dann immer mehr Verwandte, um am Fest von Rastahs und Ntokozos (Rastahs Bruder) Wiederaufnahme in die Familie, teilzunehmen. Draußen über dem Feuer wurden Teile der Ziege, des Kuhschädels und seltsame Teigklumpen gekocht, die einige Verwandte, meist die älteren, am Mittag aßen. Merlin als strenger Vegetarier hat sich vorgenommen, sollte er jemals ein Tier töten, würde er es auch essen – vom Geschmack und der Konsistenz des gekochten Kuhfleisches war er dann aber verständlicherweise nicht allzu begeistert, ich konnte mich zum Glück davor drücken, es zu probieren. Zum Mittagessen gab es wieder mal Chicken, diesmal mit etwas Uphutähnlichem und Salaten, zur Nachspeise noch Pudding mit Früchten. Das Beste daran: das Hühnchen im Essen habe ich gerupft! Das kam so: ich saß vor dem Fernseher und bin fast eingeschlafen vor Langeweile, da kam Merlin an und erzählte mir, dass neben ihm gerade einem Huhn die Kehle durchgeschnitten wurde und er glaube, dass es jetzt gerupft würde. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen und stürmte in die Küche, wo ich auch tatsächlich ein totes Huhn in einer Schüssel mit kochendem Wasser vorfand. Ich fragte, ob ich helfen dürfte, es zu rupfen – und ich durfte! Das war so einfach, ich hab mich total gefreut, dass das so gut geklappt hat und dass ich etwas zu tun hatte! Das hat meinen Tag definitiv um 100% cooler gemacht 😀 Irgendwann gab es dann Mittagessen – MEIN Huhn! Leider musste ich drinnen Essen, so saß ich wieder mal vor dem Fernseher. Aber danach gings so richtig los: es wurde Bier getrunken, gekauftes wie selbst gebrautes, getanzt und gesungen. Rastah und sein Bruder schenkten ihrer Großmutter eine Decke als Dank dafür, dass sie sie so gut aufgezogen hat. Was mir an diesem Tag deutlich bewusst wurde ist, dass die Menschen hier ihre Eltern und Großeltern mit wesentlich mehr Respekt behandeln als es irgendjemand in Deutschland jemals tun würde. Eltern und Großeltern werden hier einfach immer respektiert, egal wie gut sie ihre Aufgabe, die Kinder zu erziehen, gemeistert haben. Das finde ich erstaunlich und bewundernswert. Ich habe mich darüber gefreut, zu sehen, wie viel Spaß die ganze Familie an diesem kleinen Teil der Zeremonie hatte. Am Nachmittag knipsten Merlin und ich noch viele, viele Fotos von einigen der Kinder, danach gings mit dem Taxibus wieder ab nach Hause. In der Stadt angekommen genossen wir, erschöpft von den vielen neuen Eindrücken, den Fußmarsch zur Wohnung durch duftenden Sommerregen.
Nach einer langweiligen Woche im Office (es gab absolut nichts zu tun, außer vielleicht manchmal Autos putzen, Zettel kopieren, lochen und abheften oder kaputte Autos in die Werkstatt zu schleppen – oh ja, ich habe mit dem Colt, der jetzt auch kaputt ist, den Golf abgeschleppt – Stolz!) gab es am Freitag noch ein Highlight: die Weihnachtsfeier mit den Leuten aus dem Gartenprojekt! Vor zwei Wochen beschloss Merlin spontan, die Mitarbeiter des Gartenprojekts, bei dem wir manchmal mithelfen, zu einer kleinen Weihnachtsfeier mit Kuchen, Getränken und Musik einzuladen. Gesagt, getan. Am Donnerstag haben wir als Starköche zwei wunderbare Kuchen gebacken (ok, genug des Eigenlobs^^), einen „fantasy cake“ und einen aufgrund seiner missglückten Schokoladenglasur genannten „ugly ladybird cake“, außerdem kauften wir noch jede Menge süße Getränke. Mittags fuhren Isabell, Merlin und ich dann mitsamt unseren Gitarren ins Zentrum und hatten eine sehr schöne Zeit mit den Gardenpeople. Wir spielten Gitarre und sangen dazu und die Menschen klatschten und tanzten dazu – wieder einmal konnten wir die Lebensfreude der Schwarzen überdeutlich spüren, bewundern und genießen. Das schönste Gefühl war es, zu sehen, wie sehr sie sich über solch kleine Dinge wie ein Lied, ein Stück Kuchen oder ein Glas Cola freuten – noch immer ist diese Lebensweise für mich ein großes Vorbild! Sehr gut gelaunt wegen des vollen Erfolgs unserer kleinen Party und auch wegen der Aussicht auf den lange erwarteten Beginn unseres Roadtrips fuhren wir zurück ins Office.
Heute haben wir mit Rastah bei Regen und Gewitter Fußball gespielt und unser Mietauto für den Roadtrip abgeholt, einen Hyundai i20, ein echt cooles Auto (wir haben USB-Anschluss!), morgen geht’s dann los. Alles ist fertig gepackt für unsere Reise entlang der Küste, auf der Garden Route. Wir schlafen, wo wir wollen und sehen uns unterwegs alles an, was uns interessiert. Auf jeden Fall kommen wir nach Port Elizabeth, Coffee Bay, Plattenberg Bay und die Bloukrans Bridge (Bungeejump am 22.12.!), Cape Town und so weiter – am 6.1. kommen wir spätestens wieder zurück, da wir am 7.1. wieder arbeiten müssen. Aber bis dahin genießen wir erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub und ich hoffe, ihr tut dasselbe. Wir wünschen euch einen guten Start ins neue Jahr 2013, bis bald!
Anna und Merlin